Eine Pause vom Trauma

Stuttgart, Juli 2011 – Menschen, die ein Trauma erlitten haben, verspüren häufig den Wunsch, sich alles „von der Seele“ zu reden. Auch in Selbsthilfegruppen und in der Psychotherapie kann es vorkommen, dass die traumatischen Erlebnisse das vorherrschende Gesprächsthema sind. Das stete Kreisen um die schlimmen Erfahrungen ist jedoch nicht immer hilfreich, warnt Anke Schreiner. In der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) beschreibt die Münchener Ergotherapeutin ein anderes Konzept im Umgang mit traumatisierten Menschen.

„In der Ergotherapie spielen die Stabilisierung und das Finden von Ressourcen eine zentrale Rolle“, sagt Anke Schreiner, die die Praxis für Ergotherapie des Frauentherapiezentrums München leitet. Kaum eine andere Therapieform könne auf so praktische und handlungsorientierte Weise die Psychotherapie ergänzen. Dabei werden die traumatischen Erlebnisse bewusst ausgeklammert – den Frauen wird quasi eine Auszeit von ihrem Trauma verordnet. „Zum einen lernen die Klientinnen so, sich nicht nur über ihr Trauma zu definieren“, begründet Anke Schreiner diesen Schritt. Zum anderen werde einer Retraumatisierung vorgebeugt.

Dabei wird den Frauen keineswegs der Mund verboten. Wenn eine Klientin von sich aus beginnt, über ihre schlimmen Erfahrungen zu reden, fragen die Therapeutinnen zunächst, ob sie das jetzt wirklich entlastet. Wenn ja, dann sei es ihre Aufgabe, da zu sein und zuzuhören, betont Anke Schreiner. Gleichzeitig sei es jedoch auch wichtig, das Gespräch zu steuern und die Frauen nur in „homöopathischen Dosen“ von ihrem Trauma erzählen zu lassen.

Wichtiger als der Blick zurück ist nach Ansicht von Anke Schreiner und ihren Münchener Kolleginnen die Stabilisierung der Persönlichkeit und der Handlungsfähigkeit ihrer Klientinnen - eben der Blick nach vorn. In verschiedenen Gruppen bieten sie den traumatisierten Frauen eine ergotherapeutische Begleitung mit unterschiedlichen Zielsetzungen an: Schwer traumatisierte Frauen müssen womöglich erst wieder lernen, auf andere zuzugehen, Kontakte zu knüpfen und Small-Talk zu führen. Hierfür eignen sich niederschwellige Angebote wie etwa offene Kreativgruppen oder arbeitstherapeutische Gruppen, in denen Einzelarbeit in der Gruppe umgesetzt wird. Ihr Hauptziel ist es, die Gruppenfähigkeit der Klientinnen zu fördern.

Intensivere Angebote reichen von kreativer Projektarbeit bis hin zu arbeitstherapeutischen Gruppen und Bürotraining, die den Frauen den Übergang in einen geregelten Arbeitsalltag ermöglichen sollen. Neben den Gruppentrainings bietet die Münchener Praxis auch eine Einzeltherapie an, in der sich die Frauen Strategien erarbeiten können, die sie in Krisensituationen in der Gruppe oder im Alltag einsetzen können.

„Die Praxis dient als Schutzraum, in dem das Selbstheilungspotenzial der Frauen unterstützt wird“, resümiert Anke Schreiner. Die Frauen erfahren hier, dass sie veränderungs- und handlungsfähig sind, dass sie Aufgaben anpacken und zu Ende führen können, und nicht zuletzt, dass sie als Persönlichkeiten – samt ihren womöglich seltsam anmutenden „Überlebensstrategien“ – gewürdigt werden. Der Erfolg gibt dem Münchener Therapeutenteam offenbar recht: Immer mehr Kliniken erkennen die speziellen Bedürfnisse traumatisierter Menschen an und messen der Ergotherapie eine besondere Bedeutung bei deren Therapie zu.

A. Schreiner:
Das Trauma nicht zum Thema machen.
ergopraxis 2011; 4 (6): S. 24-27

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