Pflegebedarf – Welche Rolle spielt die Pflege im deutschen Gesundheitswesen?

Karl-Josef Laumann, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten und Bevollmächtigter für Pflege.

Die Pflege spielt schon heute eine zentrale Rolle in unserem Gesundheitswesen – nicht nur weil sie die größte Berufsgruppe in diesem Bereich darstellt. Und ich bin fest davon überzeugt: Sie wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Der demografische Wandel und die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen erfordern dies.

Besonders im stationären Bereich ist die Pflege das Bindeglied schlechthin zwischen den verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens und oft auch der erste Ansprechpartner für Patienten und Angehörige. Darüber hinaus wird die Bedeutung der ambulanten Pflege weiterhin stark ansteigen. Denn die meisten Menschen möchten auch im hohen Alter so lange wie möglich zu Hause leben bleiben. Die Bundesregierung hat vor allem mit den beiden Pflegestärkungsgesetzen eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen, um der steigenden Bedeutung der Pflege die richtigen Rahmenbedingungen zu geben. Dies umfasst nicht zuletzt deutliche Leistungsverbesserungen.

Die größte Herausforderung der Zukunft bleibt jedoch: Wie können wir den wachsenden Fachkräftemangel in der Pflege beheben? Und wie schaffen wir es, noch mehr junge Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern? Dazu muss zum einen die Pflege selbst insgesamt noch selbstbewusster werden. Das ist unter anderem deshalb so wichtig, damit sie auf Augenhöhe mit den anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen wahrgenommen wird. Vor diesem Hintergrund begrüße ich auch die Errichtung von Pflegekammern als wichtiges Instrument der Selbstverwaltung, wie sie in einigen Bundesländern bereits bevorsteht. Hierdurch kann die Pflege eine deutliche Aufwertung erfahren. Dazu gehört meiner Überzeugung nach auch, dass Ärzte zukünftig mehr Aufgaben und Kompetenzen an die Pflege abgeben. Die Pflege ist in vielen Bereichen bereits sehr gut qualifiziert, ihre Aufgaben sind vielfältig und komplex. Warum sollten wir das nicht nutzen?

Zum anderen müssen wir unsere Pflegekräfte noch besser auf die zukünftigen Herausforderungen vorbereiten. Dazu ist ganz klar die Einführung einer gemeinsamen Pflegeberufsausbildung, die sogenannte Generalistik, notwendig. Die starre Einteilung in Kinderkranken-, Kranken-, und Altenpflege ist nicht mehr zeitgemäß. Die Pflegekräfte von Morgen benötigen Wissen aus allen Bereichen. Der entsprechende Entwurf des Pflegeberufsgesetzes liegt inzwischen vor. Bei der neuen Pflegeausbildung darf es nicht darum gehen, Einzelinteressen von Verbänden in den Mittelpunkt zu stellen. Es schadet dem Ansehen der gesamten Pflegebranche, wenn einzelne Versorgungs-bereiche als weniger attraktiv oder wichtig dargestellt werden. Das führt zur Spaltung. Vielmehr muss es in erster Linie darum gehen, den Qualitätsanforderungen der heutigen Zeit gerecht zu werden und den Pflegenden eine gute berufliche Perspektive in Aussicht zu stellen. Als Patientenbeauftragter und Pflegebevollmächtigter werde ich daher sehr darauf achten, dass die neue Pflegeberufsausbildung zur Versorgung kranker und pflegebedürftiger Menschen in allen Lebensphasen befähigt.

Am Ende geht es darum, ganz konkret vor Ort die richtigen Strukturen für eine gute und menschenwürdige Pflege zu schaffen. Beim Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter 3 Jahren sind in der jüngsten Vergangenheit erhebliche Anstrengungen unternommen worden, um den Bürgern in unserem Land eine echte Wahlfreiheit zwischen der eigenen und der Kita-Betreuung zu eröffnen. Vergleichbares muss uns nun auch für die Generation Ü80 und in der Pflege gelingen. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen müssen so selbstbestimmt wie möglich über die pflegerische Versorgung entscheiden können. Meines Erachtens wird hierbei der Tagespflege eine immer wichtigere Rolle zukommen. Der richtige Ausbau der Strukturen kann jedoch nur gelingen, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.


Es gilt das gesprochene Wort!
Nachdruck honorarfrei.
Beleg erbeten!

Berlin, Januar 2016