Pflegende – Wie sehen die Rahmenbedingungen für eine gesunde Pflege aus?

Marie-Luise Müller, seit 2010 Ehrenpräsidentin, zuvor Präsidentin des Deutschen Pflegerates e. V., Vorsitzende des Kuratoriums Zentrum für Qualität in der Pflege.

Deutschland stellt sich in vielerlei Hinsicht zunehmend auf eine Gesellschaft des langen und gesunden Lebens der Menschen ein. Eine Entwicklung, die vom Grundsatz her zu mehr Optimismus und Zuversicht führt, das eigene Leben länger, gesünder, selbstbestimmter und zufriedener zu gestalten. Die medizinisch-technischen Fortschritte tragen dabei auch längst dazu bei, dass unser Gesundheits- und Sozialsystem sehr gut ausgestattet ist. Durch den Versicherungsschutz haben die Menschen hierzu einen guten Zugang und können bis ins hohe Alter umfassende medizinische Leistungen in Anspruch nehmen.

1. Pflegeentwicklung in Deutschland
Pflege in Deutschland hat ihre Wurzeln in einer christlich geprägten Tradition. Ausgehend davon nahm Pflege schon immer eine wertvolle gesellschaftliche Aufgabe, Funktion und Rolle ein. Die im beruflichen Kern verankerte Helferfunktion konnte nie ganz abgelegt werden. Für die Menschen mit Hilfebedarf ist dies noch immer der Inbegriff von Fürsorge, Liebe, Geduld, Sicherheit, Zuversicht, Vertrauen, Leidenschaft, Begleitung, ständige Verfügbarkeit und Fachlichkeit.

2. Der pflegerische Wandel – Durchbruch oder Rückschritt
Die berufliche Anerkennung von Pflege vollzog sich über die Berufung „Pflegerische Aufgaben im Sinne des Dienens“ zur Krankenschwester und zum Pfleger und erst im ausgehenden 21. Jahrhundert zum Beruf des/der Gesundheits- und Kranken- beziehungsweise Kinderpfleger/in. International wurde die Pflege-Bildungsentwicklung in Deutschland längst überholt. Akademisierung, Bildungsabschlüsse, rechtliche Anerkennungen der Ausbildungsinhalte und praktische Gestaltungsrahmen sind längst etabliert. Der pflegerische Wandel hin zu einem attraktiven, zeitgemäßen und selbstbestimmenden Beruf im 21. Jahrhundert unterliegt unendlich vielen Verwerfungen. Deutschland nimmt international – trotz Globalisierung und Flexibilisierung der Märkte – noch immer eine Schlusslichtrolle im Ausbildungs- und Berufsabschluss ein. In diesem Licht versteht sich auch die aktuell geführte Debatte eines neuen Berufsbildes auf der Basis einer gemeinsamen Ausbildung.

3. Veränderte Rahmenbedingungen
Mehr Patienten, kürzere Liegezeiten, chronische ältere Patienten, steigender Pflegebedarf, steigende Souveränität der Patienten und Angehörigen, Knappheit der Mittel, Kostendruck, steigender Fachkräftebedarf, geringer Zuwachs an Pflegepersonal, technologischer Fortschritt, schnellere Informationswege – das alles sind nur Stichworte zur Skizzierung der aktuellen Rahmenbedingungen.


Wie können unter diesen Rahmenbedingungen gute Pflegeergebnisse entstehen? Überall dort, wo:

  • die Mitarbeiter ihre Befähigungen/Kompetenzen, ihre Leidenschaft und ihre Freude am Beruf entfalten können/dürfen,
  • Vertrauen und Wertschätzung im Sinne von Kollegialität und Loyalität gelebt wird,
  • Achtsamkeit und Unterstützung im Teamgeist
  • Anreizsysteme bestehen in Form von:
  • angemessener Entlohnung, die sich an Qualifikation und Leistung orientiert Arbeitsplatzqualität (Struktur, Planbarkeit, zeitgemäße Arbeitsmittel, digitale Workflow-Unterstützung et cetera,
  • gelebter WIR-Kultur und interdisziplinärer Teamarbeit, von der auch jeder profitieren kann
  • transparenten, offenen und freien Zugangsmöglichkeiten zu einer Fehlerkultur
  • Akzeptanz der erworbenen Kompetenzen zum Beispiel im patientenorientierten Versorgungs-management (Pflege- und Behandlungsprozesse),
  • Karriereentwicklung mit Gratifikationsangeboten.

Ein(e) Pflegekultur/-klima basierend auf einem mitarbeiterorientierten Anreizsystem löst recht schnell die „Jammertalmentalität“ ab, eröffnet Perspektiven und schafft neues Vertrauen in die Führung. Innovative und intelligente Anreizsysteme sind der Nährboden für Mitarbeiterbindung und Unternehmenszugehörigkeit.

4. Wie schaffen wir in Krisenzeiten Rahmenbedingungen für eine gesunde Pflege?
Pflegenotstände sind bekannt (alle 15 Jahre wieder). Der Unterschied liegt im Zeitgeist, im gesellschaftlichen, gesundheitspolitischen und technischen Wandel. Maßnahmen und eingeleitete Prozesse sind unterschiedlich ausgerichtet. Die Ursachen wie Bildung, Personalausstattung, Wertschätzung, Vergütung und Arbeitsbedingungen liegen jedoch sehr nah beieinander. Neu ist heute die Dimension der Berichterstattung in den Medien.

5. Wie erreichen wir wieder die berufliche Leidenschaft, Freude und berufliche Identität?

  • In jeder Gesundheitseinrichtung gibt es ein Management-Führungsteam. Deren erste und allerwichtigste Verpflichtung ist es, das Vertrauen der Mitarbeiter in das Unternehmen wieder herzustellen.
  • Angemessene Kontrollsysteme im Sinne von guter Führungsqualität und gelebter Fehlerkultur sind erwünscht.
  • Die Belastbarkeit und Befähigung des Pflege-managements ist neu zu definieren. Es stellt enorme Ansprüche an die handelnden Personen, einerseits die Organisation, die Versorgungs-prozesse und die Personalentwicklung im Blick zu haben und andererseits im Vorstand/der Betriebsleitung gesamtunternehmerische Verantwortung mit zu tragen.
  • Die bisherige tarifliche Gestaltung ist auf Kompetenz- und Leistungsniveau umzustellen. Hierzu ist in der Arbeitgebervertretung der Tarifpartner das Pflegemanagement als ordentliches Mitglied einzubinden. Die qualitative Bewertung pflegerischer Leistungen wird so zum Bestandteil der Vergütung.
  • Es müssen Anreizsysteme geschaffen werden, die Chancen für jede Beschäftigungsgeneration bietet. So sind die Fähigkeiten, die die jungen Generationen Y und Z mitbringen, nutzbar für Attraktivität und Motivation. Stabilität, Sicherheit und Erfahrungsschatz bieten die älteren berufserfahrenen Mitarbeiter.
  • Pflege wird wieder zum Wettbewerbsfaktor einer Einrichtung. Die Menschen glauben wieder an ihre Einrichtung.
  • Die modernen Bildungskonzepte sind durch den Weg der beruflichen Generalisierung Pflegefachfrau/-mann mit diversen Weiterbildungen und der Durchlässigkeit zur Hochschule/Akademisierung vorgezeigt. Knappheit ist Realität. Damit umzugehen ist eine Herausforderung, die neues Denken auf Seiten der Politik und auf der Management- und Führungsebene erfordert.
  • Pflegekonzepte, die aus dem Bedarf der Patientensituation heraus ihre Gestaltung erhalten (nicht was wir als Pflegeprofi oder Manager wollen), orientieren sich am individuellen Pflegebedarf. Die auslösenden therapeutischen Pflegeleistungen sind gesteuert, kontrollierbar, messbar und damit auch ökonomisch kalkulierbar. Dieser Weg führt automatisch zur beruflichen Selbstbestimmung aus der Praxis heraus. Wer dies zulässt, gewinnt wieder Mut, in die Pflege zu gehen beziehungsweise in der Pflege zu verbleiben.
  • Pflegekammern als äußerer pflegeberuflicher Rahmen unterstützen Entwicklungen aus der Praxis für die Praxis.
  • Lassen Sie gute Pflege zu. Wer wagt gewinnt!


6. Fazit

  • Das wirksamste Rezept, dem Beruf Pflege eine langfristige Stabilisierung zu geben, liegt in der Modernisierung der Bildung und Praxis. Wer hier nicht investiert, gibt weiter Geld ins System, ohne positive Ergebnisse zu erzielen.
  • Nur wenn wir diesen Bildungs- und Gestaltungs-Prozess im Unternehmen zulassen und stabil etablieren, bekommen wir gute Pflege zu bezahlbaren Preisen. Die Patienten sind zufrieden, das Unternehmen gewinnt motivierte Mitarbeiter und die Mitarbeiter sind die besten Image- und Werbeträger.

Nehmen wir diese Krise (wir haben schon einige hinter uns) und verstehen sie als echte Chance. Stehen wir auf und sprechen die Wahrheiten aus, auch wenn es weh tut. Pflege braucht in den Unternehmen jetzt mehr denn je „Fürsprecher“, die nicht unter Druck gestellt werden.


Es gilt das gesprochene Wort!
Nachdruck honorarfrei.
Beleg erbeten!

Berlin, Januar 2016

Call to Action Icon
Zum Lebenslauf von Marie-Luise Müller