Pflegeschüler – Welches Selbstverständnis haben junge Pflegekräfte?

Interview mit Debora Riegraf, angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Frau Riegraf, Sie schließen gerade Ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ab. Mit welcher Motivation haben Sie sich für den Pflegeberuf entschieden?
Nach dem Abitur und einem Semester Philosophie- und Geschichtsstudium habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Lebenshilfe Tübingen e. V. absolviert. Dort habe ich mit behinderten Menschen gearbeitet und deren Freizeit mitgestaltet. Das hat mir so gut gefallen, dass in mir der Entschluss gereift ist, mich beruflich mit Schwerstmehrfachbehinderten zu beschäftigen. Als Einstieg in diesen Bereich erschien mir zunächst eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin sinnvoll.

Mir war schon lange davor klar, dass ich gerne mit Menschen arbeiten und Verantwortung übernehmen möchte. Als Pflegerin kann ich Menschen in Lebensphasen, in denen es ihnen aufgrund einer Erkrankung nicht gut geht, Beistand leisten und sie unterstützen – und das in einem hochprofessionellen Team aus Ärzten und Pflegefachkräften, das Hand in Hand arbeitet.

Von Anfang an hat mich besonders das medizinische Fachwissen interessiert, ohne das Pflege nicht sinnvoll machbar ist. Diese Kombination aus menschlicher Fürsorge und fachlichem Know-how begeistert mich im Pflegeberuf. Zudem muss ich viele Fäden in der Hand halten und stets den Überblick behalten – das ist anspruchsvoll, aber auch spannend und motivierend.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Pflegekraft im Gesundheitswesen? Mit welchem Selbstverständnis üben Sie Ihren Beruf aus?
Ich arbeite als hochprofessionelle Fachkraft mit weitreichendem medizinischen Fachwissen und ausgeprägten sozialen Kompetenzen. Ich möchte mit den Ärzten auf Augenhöhe gemeinsam im Team arbeitet – zum Wohle der Patienten und ihrer Angehörigen. Ich verstehe mich nicht als Hilfskraft im Medizinbetrieb, die lediglich die Arbeit der Ärzte flankiert. Leider begegnet mir diese Haltung immer wieder – ganz konkret bei Ärzten, Patienten und Angehörigen, aber zum Beispiel auch in den Medien.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Nach der schriftlichen Prüfung in der vergangenen Woche kommen jetzt noch die mündlichen Prüfungen. Danach würde ich gerne für zwei Jahre zum Beispiel auf einer Neurologischen oder Geriatrischen Station und danach im Intensivbereich arbeiten und Berufserfahrung sammeln. Später möchte ich mich gerne weiterbilden, zum Beispiel im Bereich Intensivmedizin/Anästhesie oder zum Thema Wundmanagement. Ich möchte insbesondere meine medizinischen Fachkenntnisse weiter ausbauen und künftig mehr Verantwortung übernehmen.

Auf Dauer kann ich mir den Klinikbetrieb für mich jedoch nicht vorstellen. Die Arbeit gefällt mir sehr, aber die körperliche Anstrengung wird mir oft zu viel. Und die Beschäftigung mit den Menschen kommt einfach viel zu oft zu kurz. Die neben den medizinischen Maßnahmen so wichtige Fürsorge kann ich den Patienten und ihren Angehörigen aus Zeitmangel oft nicht geben. Das frustriert einfach. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, wie ursprünglich geplant, mit schwerstmehrfachbehinderten Menschen zu arbeiten, zum Beispiel im Freizeitbereich. Oder auf einer psychiatrischen Station.

Was wünschen Sie sich, was ist Ihnen wichtig?
Ich möchte mit meiner Tätigkeit als Pflegefachkraft als gleichberechtigte Partnerin im Zusammenwirken von Medizin und Pflege anerkannt werden. Ich wünsche mir weniger Abhängigkeit vom Arzt und mehr Eigenverantwortung im Rahmen meiner Tätigkeit. Die Verantwortung, die wir für unsere Patienten übernehmen, sollte angemessen gewürdigt werden. Ich wünsche mir alles in allem mehr Anerkennung für mein professionelles Engagement – von Ärzten, Patienten und Angehörigen, aber auch von der Klinikverwaltung, der Politik und der Gesellschaft. Diese Anerkennung darf sich gerne auch finanziell bemerkbar machen!


Es gilt das gesprochene Wort!
Nachdruck honorarfrei.
Beleg erbeten!

Berlin, Januar 2016

 

Interview mit Annika Ziegler, angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Frau Ziegler, Sie schließen gerade Ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ab. Mit welcher Motivation haben Sie sich für den Pflegeberuf entschieden?
Mit 17 habe ich ein Auslandsschuljahr in Panama verbracht. Dort habe ich erlebt, wie weit Menschen zu Fuß unterwegs waren, um grundlegendste medizinische Versorgung in Anspruch nehmen zu können. Da kam mir das erste Mal der Gedanke, dass ich meine Arbeitskraft dort einsetzen möchte, wo ich Menschen, denen es nicht gut geht, helfen kann.
Als Gesundheits- und Krankenpflegerin kann ich etwas Sinnvolles tun und ganz eng mit und für Menschen arbeiten. Ich bin sehr kommunikativ und kann mich gut in andere hineinversetzen. Außerdem habe ich schon immer sehr genau gearbeitet. Diese persönlichen Stärken wollte ich gerne nutzen und in meinen Beruf einbringen. Ich glaube, in Kombination mit meinem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein und den fachlichen Kompetenzen, die ich in meiner Ausbildung erwerbe, bin ich gut für den Pflegeberuf gerüstet und kann ganz konkret dazu beitragen, dass es Menschen besser geht.

Mit welchem Selbstverständnis üben Sie Ihren Beruf aus? Wie sehen Sie Ihre Rolle als Pflegekraft im Gesundheitswesen?
Ich verstehe mich als Anwältin der Patienten. Oft bin ich ihre engste Ansprechpartnerin, der sie ihre Sorgen und Nöte anvertrauen. Ich habe alle Aspekte, die die Patienten betreffen, im Blick – nicht nur die akuten Erkrankungen, wegen der sie eingeliefert wurden. Während sich der Facharzt auf die Operation oder die konkrete Therapie konzentriert, habe ich auch die aktuelle Schmerzsituation, die akute Entwicklung der Erkrankung sowie Risiken wie Dekubitus, also das Wundliegen, oder Trombosen im Blick. Damit es dem Patienten gut geht und er gesunden kann, braucht er einerseits die medizinische Versorgung der Ärzte. Aber er braucht andererseits auch Pflege, die ebenso professionell wie umsorgend ist. Therapie und Pflege sind eng miteinander verzahnt und eines kommt ohne das andere nicht aus.

Bei allem Engagement für die anderen achte ich aber auch auf mich selbst und nehme meine eigenen Bedürfnisse ernst. Denn ich kann nur gut für meine Patienten sorgen, wenn es mir selbst auch gut geht.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Nach dem Examen, das von Januar bis Ende März diesen Jahres geht, werde ich ab April 2016 eine Stelle auf einer Akutstation für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Geriatrie antreten. Ich kenne viele, die mittelfristig eine Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung – wie zum Beispiel einem Wohnheim für Behinderte – anstreben, weil sie sich auf Dauer nicht auf die Arbeitsbedingungen an einer Klinik einlassen möchten. Ich hingegen sehe mich auch langfristig in der klassischen Gesundheits- und Krankenpflege. Es muss doch möglich sein, diesen schönen, aber auch ausgesprochen anspruchsvollen Beruf auch auf Dauer mit Leidenschaft und Freude ausüben zu können.
Gerne würde ich später in der Schüleranleitung tätig werden, also Schülerinnen und Schüler auf der Station einarbeiten und in der Praxis begleiten. In meiner Ausbildung habe ich erfahren, wie wertvoll es ist, von erfahrenen Schwestern auf dem Weg zur professionellen Pflege wichtige fachliche Ratschläge aber auch Hinweise zu persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu erhalten. Das möchte ich gerne weitergeben.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft, was ist Ihnen wichtig?
Die Pflege leistet einen entscheidenden Beitrag zur Patientenversorgung – und das unter Bedingungen, die auf Dauer nur schwer auszuhalten sind. Denn vieles, was wir zum Wohle der Patienten gerne tun würden und was auch von uns erwartet wird, bleibt auf der Strecke. Ein Beispiel sind etwa Beratungsgespräche: Diabetikern, die zum ersten Mal auf Insulin eingestellt werden, erklären wir den Umgang mit dem Insulin-Pen. Oft geschieht das aus Zeitmangel zwischen Tür und Angel und wir können nicht sicherstellen, dass der Patient die Handhabung zuverlässig beherrscht. Spätestens dann, wenn er wieder zu Hause ist, wird das zu Problemen führen.
Das heißt, dass wir unserem eigenen Anspruch, alles für die Genesung des Patienten zu tun, oft nicht gerecht werden können. Wir müssen aufpassen, dass wir in unserem durch bürokratische Vorgaben durchgetakteten Tagesablauf nicht blind werden für die Bedürfnisse der Patienten, für die wir sorgen. Denn um sie geht es ja eigentlich: die Menschen. Oft können wir wirklich nur das Nötigste wie die grundlegende Körperpflege, die Vitalkontrolle, die konkrete Behandlungspflege, das Umbetten immobiler Patienten und die Toilettenbegleitung erledigen – und das ist meiner Ansicht nach einfach zu wenig. Wenn uns dann auch noch Ärzte, Politik und die Gesellschaft dafür rügen und unsere Arbeit nicht angemessen würdigen, dann ist das doppelt frustrierend.
Persönlich und in meiner Rolle als professionelle Pflegende ist es mir wichtig, mir meine Ideale zu bewahren und trotzdem nicht daran zu zerbrechen. Das ist schwer. Deshalb wünsche ich mir, dass aktiv nach Möglichkeiten gesucht wird, der Pflege den – vor allem zeitlichen und personellen – Handlungsspielraum zu geben, den es braucht, um gute Arbeit zum Wohle der Patienten leisten zu können.


Es gilt das gesprochene Wort!
Nachdruck honorarfrei.
Beleg erbeten!

Berlin, Januar 2016