Pharmakogenomik: Neue Medikamententests und zweifelhafte Angebote im Internet

Stuttgart, April 2011 – Gene beeinflussen, ob ein Medikament die erhoffte Wirkung erzielt oder eher schadet. Die Zahl der Tests, die dies prüfen, ist in den letzten Jahren gestiegen. Doch nicht alle halten was sie versprechen, warnen Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011).

Der Einfluss von Erbanlagen auf die Wirkung von Arzneimitteln wird als Pharmakogenomik bezeichnet. In den USA wird bereits bei mehr als 200 Arzneimitteln auf pharmakogenomische Tests hingewiesen, berichtet Professor Matthias Schwab vom Dr. Margarete Fischer-Bosch Institut für Klinische Pharmakologie in Stuttgart. Ob diese Tests den Patienten allerdings auch nutzen, sei vielfach umstritten. Oft fehlen tragfähige Daten aus klinischen Studien, schreiben Professor Schwab und seine Kollegen. In anderen Fällen hätten sich die Tests jedoch bewährt. Als Beispiele nennt der Pharmakologe den Wirkstoff Tamoxifen, der bei Brustkrebserkrankungen nach den Wechseljahren eingesetzt wird. Tamoxifen ist ein “Prodrug”. Um zu wirken, muss es in der Leber durch das Enzym CYP2D6 aktiviert werden. Einige Menschen haben eine defekte Variante des CYP2D6-Gens. Sie verhindert, dass Tamoxifen aktiviert wird. Die Wirksamkeit ist dadurch vermindert, erläutert Professor Schwab. Ein anderes Beispiel ist der “Blutverdünner” Warfarin. Auch hier beeinflussen Genvarianten die Wirksamkeit. In den USA verwenden Ärzte die Ergebnisse von Gentests auch, um die Dosis zu kalkulieren, berichtet Professor Schwab.

Die Initiative zu Tests geht nicht nur von den Ärzten aus. So beim HIV-Medikament Abacavir. Hier kann ein Gentest erkennen, ob die Therapie zu lebensbedrohlichen Arzneimittelreaktionen auf der Haut führt. Professor Schwab: Ein wesentlicher Anreiz, diesen Test in die klinische Praxis einzuführen, kam von gut organisierten HIV-Selbsthilfegruppen. Sie haben früher als Ärzte und Arzneibehörden den Sinn dieser pharmakogenomischen Prüfung erkannt.

Den Experten überrascht dies nicht. Im Zeitalter des Internets seien Patienten oft gut über pharmakogenetische Zusammenhänge informiert. Auch aus einem anderen Grund sei es wichtig, dass Ärzte durch Weiter- und Fortbildung auf einen kompetenten Umgang mit den neuen Tests vorbereitet werden: Viele Hersteller wenden sich im Internet an den Medizinern vorbei direkt an die Patienten oder Verbraucher. Professor Schwab: Für einen Gentest ist keine Blutabnahme beim Arzt notwendig. Oft reicht ein Mundschleimhautabstrich. Den könne der Patient selbst entnehmen und einschicken. Da es die meisten Medikamente aber nur auf Rezept gibt, müssen sie schließlich doch einen Arzt einweihen. Einen Nachteil der “direct-to-consumer”-Tests sieht Professor Schwab in der fehlenden Information und der unsicheren Qualität: Die Hersteller liefern selten Daten zur Interpretation der Testergebnisse. Kürzlich kam bei der Überprüfung einer Firma heraus, dass Daten oder auch DNA-Proben von Kunden verwechselt wurden.

Professor Schwab fordert gesetzliche Regelungen für die Pharmakogenomik wie in den USA. Dort verbietet seit 2008 das „Genetic Information Nondiscrimimation Act”, dass Krankenversicherungen genetische Informationen zur Beurteilung des Gesundheitszustands eines Antragstellers verwenden. Zudem untersagt es Arbeitgebern, Beschäftigte auf der Basis genetischer Informationen abzuweisen.

M. Schwab et al.: Pharmakogenomik:
Hype oder Hope?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (10): S. 461-467

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