• © Irene Hahn/Stefanie Bräuer - Praxis für Physiotherapie & Osteopathie

    Preisträgerin Vivien Gers arbeitet an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim. © Irene Hahn/Stefanie Bräuer - Praxis für Physiotherapie & Osteopathie

     

„physioscience-Preis 2020“: Was genau ist eine Hypothese?

Stuttgart, Februar 2021 – Die Fachzeitschrift „physioscience“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) hat zum zweiten Mal den mit 3000 Euro dotierten „physioscience-Preis“ vergeben. Die Wahl der Jury für die beste Veröffentlichung im Jahr 2019/2020 fiel auf die Originalarbeit „Zur Form und Struktur von Hypothesen im Rahmen der physiotherapeutischen Untersuchung am Beispiel der beobachtenden Ganganalyse“. Erstautorin und Preisträgerin Vivien Gers setzt sich dabei mit der Hypothesenbildung im physiotherapeutischen Alltag auseinander.

Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim untersuchte die Physiotherapeutin, welche Annahmen Therapierende hinsichtlich der Befunderhebung bei einer Ganganalyse von Patienten treffen und ob dabei verschiedene Hypothesentypen unterschieden werden können. Zudem stellte sich im Verlauf ihrer Arbeit für die 30-Jährige die Frage, ob die getroffenen Annahmen im wissenschaftlichen Sinne überhaupt Hypothesen sind. Für ihre Untersuchung bat sie acht Physiotherapeutinnen und -therapeuten, ihre Gedankengänge im Sinne der wissenschaftlichen Think-Aloud-Methode laut zu formulieren. Dabei ging es ihr darum, zu erfahren, was ihnen bei einer beobachtenden Ganganalyse eines auf Video aufgezeichneten Patienten durch den Kopf geht. Ihre Ergebnisse legt Vivien Gers gemeinsam mit ihren Mitautoren Professor Dr. Annette Probst und Thomas Schöttker-Königer in dem nun mit dem „physioscience-Preis“ ausgezeichneten Beitrag dar.

„Hypothesen, wie wir sie im therapeutischen Alltag aufstellen“, fasst Gers in ihrer Arbeit zusammen, „ähneln in ihrer anfänglichen Stufe eher Heuristiken.“ Das sind Annahmen, die auf allgemeinen Erfahrungswerten beruhen. „Sie bilden für Physiotherapeuten zunächst einen generalisierten Orientierungsrahmen. Er bedingt weiteres Handeln und leitet weitere Untersuchungsschritte ein. Erst, wenn Annahmen formuliert, geprüft, bewertet und somit gedanklich weiterverfolgt und entwickelt werden, können sie einen Hypothesenstatus erreichen“, erklärt die Preisträgerin weiter. Somit sei nicht jede Annahme, die aufgestellt, aber nicht weiterverarbeitet wird, als Hypothese im wissenschaftlichen Sinne zu bezeichnen

Schon im Studium interessierte sich Vivien Gers für die Grundlagen physiotherapeutischen Handelns. Bis zu ihrer eigenen Studie war auch sie der Ansicht, im Rahmen eines Befundes immer Hypothesen aufzustellen. „Dabei war mir gar nicht klar, was genau eine Hypothese im wissenschaftlichen Sinne überhaupt ist. Und den Begriff Heuristik, mit dem ich mich dann intensiv auseinandersetzen musste, kannte ich noch gar nicht.“ Die Abgrenzung ist auf den ersten Blick nicht leicht, denn auch eine Heuristik dient per Definition dazu, Probleme zu lösen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Aber sie ist eben tatsächlich eine Annahme, bei der Ursache und Folgen noch austauschbar sind. Zur weiteren Einordnung und Beschreibung von Hypothesen seien weitere Studien notwendig, die sich mit der Theorie des Begriffes „Hypothese“ beschäftigten und Definitionen sowie Systematiken zur Hypothesenbildung in der Physiotherapie herausbilden, so Gers.

Die Jury würdigt die Originalarbeit von Vivien Gers als „eine professionelle Arbeit, die ein für die Physiotherapie relevantes Thema bearbeitet, die methodisch sehr gewissenhaft durchgeführt wurde und die sich traut, Themen der beruflichen Theoriebildung im Sinne von Grundlagenforschung anzugehen.“ Die Kommission setzt sich im jährlichen Wechsel aus Herausgebern der „physioscience“ zusammen. Sie alle sind in der Forschung und Lehre in Deutschland und der Schweiz tätig. Für den diesjährigen „physioscience-Preis“ bewerteten Dr. Tobias Braun, Professor Dr. Gudrun Diermayr, Professor Roger Hilfiker, Professor Dr. Sven Karstens und Professor Dr. Rogan Slavko alle Beiträge, die zwischen Juni 2019 und Ende Mai 2020 veröffentlicht wurden oder das Peer-Review-Verfahren erfolgreich durchlaufen hatten. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf die Relevanz des Beitrags für Physiotherapeuten sowie die wissenschaftliche Qualität der Forschungsarbeit.

Augezeichneter Beitrag

Vivian Gers et al.:
Zur Form und Struktur von Hypothesen im Rahmen der physiotherapeutischen Untersuchung am Beispiel der beobachtenden Ganganalyse – Qualitative Think-Aloud-Analyse
physioscience 2020; 16 (2); S. 5360

Preisträgerin Vivien Gers

Vivien Gers ist Physiotherapeutin und arbeitet nach ihrem Bachelor- und Masterabschluss als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor für Bewegungswissenschaften an der HAWK. Sie ist zudem in einer ambulanten Praxis angestellt. Vivien Gers hat bereits während ihres Studiums im Labor als studentische Mitarbeiterin gearbeitet und an Forschungsprojekten mitgewirkt.

Keine offizielle Preisverleihung aufgrund der Pandemie

Eine offizielle Preisverleihung musste aufgrund der Pandemie leider ausfallen. Zunächst sollte der „physioscience-Preis“ offiziell im vergangenen November im Rahmen des Forschungssymposiums Physiotherapie in Senftenberg verliehen werden. Diese Veranstaltung ist auf 2021 verschoben, und auch der „physiokongress 2021“, der als alternative Plattform für die Ehrung der Autoren in Betracht kam, wird in diesem Februar nicht stattfinden können.

Bewerbung für den kommenden „physioscience-Preis“ noch bis Mai 2021 möglich

Als deutschsprachiges Forum für wissenschaftlich interessierte Physiotherapeuten liefert die „physioscience“ viermal im Jahr aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis. In die Bewertung für den nächsten „physioscience-Preis“ gehen alle Original- und Übersichtsarbeiten, Fallberichte und Publikationen zu Leitlinien ein, die zwischen Juni 2020 und Ende Mai 2021 ins Peer-Review-Verfahren gehen. Alle Informationen zur Manuskripteinreichung finden Interessierte hier.

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