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    Erstautorin Iris Sterkele hat den Preis stellvertretend für das gesamte Forschungsteam entgegengenommen. © Iris Sterkele/privat

     

Züricher Forschungsteam erhält diesjährigen „physioscience-Preis“

Stuttgart, November 2021 – Die Fachzeitschrift „physioscience“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) hat zum dritten Mal den gleichnamigen Preis vergeben. Im Rahmen des digitalen 5. Forschungssymposiums Physiotherapie am 27. November 2021 nahm Erstautorin Iris Sterkele, stellvertretend für das vierköpfige Team, die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen. In ihrer prämierten Originalarbeit „Eine Alternative zur klassischen Testtheorie?“ erklären und vergleichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler detailliert zwei messtheoretische Ansätze zur Ermittlung möglicher Fehlerquellen. Dabei hinterfragen sie die oft angewendete klassische Testtheorie (KTT) kritisch und zeigen die Vorteile der Generalisierbarkeitstheorie (G-Theorie) auf.

Die Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen systematisch zu messen, ist ein wichtiger Teil der evidenzbasierten Praxis. In der Physiotherapie wird beispielsweise der Grad der Gelenkbeweglichkeit oder die Muskelkraft der Patientinnen und Patienten gemessen. In der physiotherapeutischen Forschung ermitteln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Behandlungseffekte häufig in größeren Patientengruppen. Anhand ihrer Ergebnisse leiten sie Empfehlungen für die tägliche Praxis ab oder identifizieren nichteffektive Therapieverfahren.

Messungen können jedoch durch unterschiedliche Faktoren wie verschiedene messende Personen, Messzeitpunkt, Messinstrument, Messprotokoll und vieles mehr beeinflusst werden. Daher ist es wichtig, mögliche Fehlerquellen mit einzubeziehen. In ihrer prämierten Arbeit setzen sich Iris Sterkele, Dr. Pierrette Baschung Pfister, Dr. Ruud Knols und Professor Dr. Eling de Bruin damit intensiv auseinander. Mit der KTT und der G-Theorie stehen hierfür derzeit zwei statistische Modelle zur Verfügung: „Bei der KTT wird lediglich von einer einzelnen allgemeinen Fehlerquelle ausgegangen. Die G-Theorie hingegen nimmt eine Vielzahl von Messfehlerquellen an. Zudem ist sie dazu geeignet, die Komponenten im Messprozedere zu ermitteln, die am stärksten zu Messunterschieden beitragen“, erklärt Erstautorin Iris Sterkele. Der Ansatz biete demnach die besseren Voraussetzungen, mögliche Fehlerquellen zu identifizieren und sei damit näher an der Praxisrealität. Denn in der Physiotherapie ließen sich Messungen nicht unter vollständig kontrollierten Bedingungen durchführen, betont die Physiotherapeutin vom Universitätsspital Zürich.

„Iris Sterkele und ihre Ko-Autor*innen stellen in ihrer Arbeit anschaulich die Vorteile der Generalisierbarkeitstheorie gegenüber der Klassischen Testtheorie dar. Ihre wissenschaftliche Arbeit ist für den Praxisalltag relevant, um kosteneffiziente präzise Messprozedere etablieren zu können. Es bedarf genau dieser Auseinandersetzung mit modernen Theorien, um die Forschung in der Physiotherapie voranzutreiben und die Profession weiterzuentwickeln“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Vor dem Hintergrund, dass sich viele Physiotherapeutinnen und -therapeuten immer noch sehr wenig mit Statistik befassten und oft veraltete Modelle nutzen, sei der ausgezeichnete Beitrag besonders wertvoll.

Jury

Die Preiskommission setzt sich im jährlichen Wechsel aus Herausgeberinnen und Herausgebern der „physioscience“ zusammen. Sie alle sind in der Forschung und Lehre in Deutschland und der Schweiz tätig. Für den diesjährigen „physioscience-Preis“ bewerteten Anne-Kathrin Rausch, Dr. Marina Bruderer-Hofstetter, Professor Sven Karstens und Claudia Pott alle Beiträge, die zwischen Juni 2020 und Ende Mai 2021 veröffentlicht wurden oder das Peer-Review-Verfahren erfolgreich durchlaufen hatten. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf die Relevanz des Beitrags für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie die wissenschaftliche Qualität der Forschungsarbeit.

Preisverleihung

Die Preisverleihung hat am 27. November 2021 im Rahmen des 5. Forschungssymposiums Physiotherapie stattgefunden. Die zunächst an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg geplante Veranstaltung, fand pandemiebedingt online statt. Die Deutsche Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft e. V. (DGPTW) lädt hierzu jedes Jahr Physiotherapeutinnen und -therapeuten zum wissenschaftlichen Austausch ein.

Erstautorin Iris Sterkele

Iris Sterkele ist Physiotherapeutin am Universitätsspital Zürich. Darüber hinaus ist sie externe Dozentin im BSc-Studiengang Physiotherapie und Fachsupervisorin am ZHAW-Departement Gesundheit in Winterthur.

Bewerbung für den kommenden „physioscience-Preis“ bis Mai 2022 möglich

Als deutschsprachiges Forum für wissenschaftlich interessierte Physiotherapeuten liefert die „physioscience“ viermal im Jahr aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis. In die Bewertung für den nächsten „physioscience-Preis“ gehen alle Original- und Übersichtsarbeiten, Fallberichte und Publikationen zu Leitlinien ein, die zwischen Juni 2021 und Ende Mai 2022 ins Peer-Review-Verfahren gehen. Alle Informationen zur Manuskripteinreichung finden Interessierte hier.

 

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