Mit Placebos zur besseren sportlichen Leistung

fzm, Stuttgart, August 2014 – Nervosität und mangelndes Selbstvertrauen sind das Letzte, was man in einem sportlichen Wettkampf braucht. Umgekehrt trägt bereits der Glaube, auf einen Wettkampf perfekt vorbereitet zu sein, dazu bei, dass ein Sportler seine maximale Leistung abrufen kann. Diese Kraft der positiven Erwartung können sich auch Physiotherapeuten zunutze machen, die Sportler behandeln und betreuen, sagt Ellen Kristina Broelz. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) berichtet die Tübinger Neurowissenschaftlerin darüber, wie der Placeboeffekt die sportliche Leistungsfähigkeit steigern kann.

„Die Überzeugung, eine Therapie steigere die eigenen Möglichkeiten, wirkt im Prinzip genauso wie der von Medikamenten bekannte Placeboeffekt“, sagt Broelz, die am Uniklinikum Tübingen zum Thema Placeboeffekte bei sportlicher Leistung promoviert. Wie stark die Erwartungshaltung auf die Leistung wirkt, macht die Neurowissenschaftlerin an einem Experiment aus den 1980er Jahren deutlich. US-Wissenschaftler verabreichten ihren Probanden unwirksame Placebo-Tabletten, die sie aber als leistungssteigerndes Anabolikum anpriesen. Im Verlauf von vier Wochen stiegen Kraft und Ausdauer der Probanden daraufhin tatsächlich überproportional an.

Neben der Erwartungshaltung spielen vermutlich auch unbewusste körperliche Lernprozesse eine Rolle. Broelz verweist hierzu auf eine italienische Studie, in deren Rahmen Sportler in der Trainingsphase mit Morphin behandelt wurden. Das starke Schmerzmittel steigert die sportliche Leistung, indem es das Schmerzempfinden reduziert. Die Sportler können so leichter die maximale Leistung aus sich herausholen. Das funktionierte auch bei einem simulierten Wettkampf - obwohl die Forscher das Morphin am Tag zuvor gegen ein Placebo ausgetauscht hatten. „Durch die Konditionierung konnte das Placebo das körpereigene Opioid-System genauso aktivieren, wie es zuvor das Morphin getan hatte“, erläutert Broelz. Offenbar hatte der Organismus der Sportler gelernt, dass die Tablette eine Leistungssteigerung bedeutete - und dann auch ohne Wirkstoff entsprechende Prozesse in Gang gebracht.

Wie kann sich ein Physiotherapeut solche Effekte zunutze machen? Nach Ansicht der Tübinger Wissenschaftlerin ist es wichtig, dass der Therapeut sich Zeit nimmt und dem Patienten erklärt, warum er eine bestimmte Therapie vorschlägt, wie sie wirkt und welchen Erfolg er sich davon verspricht. Auf diese Weise lasse sich die positive Erwartungshaltung aufbauen, die für den Erfolg einer Therapie so wichtig sei. Gleichzeitig sollten jedoch keine unrealistischen Versprechungen gemacht und auch mögliche Begleiterscheinungen wie ein anfängliche Symptomverschlechterung offen angesprochen werden.

Zudem sollte der Therapeut auf positiven Erfahrungen des Patienten aufbauen. „Wenn etwa ein Patient eine Elektrotherapie bereits früher als schmerzlindernd erlebt hat, wird sie ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei anderen Schmerzzuständen helfen“, sagt Broelz. Umgekehrt sollte bei Therapien, die der Patient als nicht hilfreich empfunden hat, verstärkt nach Alternativen gesucht werden.

Was damit nicht gemeint ist: Dem Gegenüber eine nachweislich unwirksame Intervention als effektiv zu verkaufen, betont Ellen Kristina Broelz. Das Wohl des Patienten und ein ehrlicher Umgang miteinander sollten immer an erster Stelle stehen. Denn auch die Qualität der Therapeut-Patient-Beziehung und das Gefühl, seinem Therapeuten vertrauen zu können, sind für die Leistungsfähigkeit von großer Bedeutung.

E. K. Broelz:
Überzeugung verleiht Flügel
physiopraxis 2014; 12 (6); S. 24-26