Therapie zum Schein - ist es ethisch vertretbar, Placebos zu verschreiben?

fzm - Scheinmedikamente können heilen – davon sind manche Wissenschaftler überzeugt. Mittlerweile liegen zahlreiche Studien vor, die angeblich belegen: Medikamente ohne echten Wirkstoff, sogenannte Placebos, sind wirksam. Ob Schmerzen, Arthrose oder Bluthochdruck – einfache Mittelchen aus Zucker oder Mehl helfen. Doch trotz dieser Studien, ist die Befundlage nach wie vor widersprüchlich. Und die ethische Frage ist ungeklärt: Dürfen Ärzte ihre Patienten mit Placebos behandeln? In einem Beitrag der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) diskutieren Wissenschaftler das Für und Wider. Ihr Fazit: Nur in Ausnahmefällen sollte es erlaubt sein, Placebos im klinischen Alltag einzusetzen. Der Patient hat ein Recht, offen und ehrlich informiert zu werden.

Wie der Arzt Dr. med. Marcus Walburg vom Evangelischen Krankenhaus in Darmstadt darlegt, werden Placebos üblicherweise in Medikamentenstudien eingesetzt. Im Klinikalltag sei es eher ungewöhnlich, Schein-Medikamente zu verabreichen. Allerdings, so Walburg, komme es auch in der therapeutischen Praxis zum Einsatz von Placebos, was in Studien bestätigt wurde. Dann nämlich, wenn der Patient eine hohe kurative Erwartung habe – und der Arzt keine entsprechende Therapie anbieten kann.

In solchen Fällen greifen Ärzte schon mal auf Substanzen zurück, die keine chemisch relevanten Inhaltsstoffe enthalten. Sie verschreiben ein "Mittelchen", von dem sie wissen, dass es – objektiv betrachtet – nichts auszurichten vermag. Da sich der Patient jedoch in dem Glauben befindet, ein echtes und wirksames Heilmittel einzunehmen, täuscht der Arzt seinen Patienten.

Ob es legitim ist, einem Patienten – ohne sein Wissen – ein Schein-Präparat zu verschreiben, ist umstritten, so Walburg: "Historisch betrachtet gab es bereits seit der Antike kontroverse Standpunkte." Bereits damals gab es einzelne Berichte von Heilungserfolgen mithilfe von Placebos. Heute weiß man: Placebos können wirken, weil sie eine "konventionelle" Behandlung simulieren und weil sie mit dem ärztlichen Versprechen auf Hilfe verknüpft sind.

Nach Ansicht von Walburg bewegen sich Ärzte oft in einer therapeutischen Grauzone, in der von ihnen eine medikamentöse Behandlung gefordert wird, obwohl sie eigentlich kein Medikament anbieten können, das Heilung verspricht. Als Beispiel nennt er die Verschreibung von Antibiotika bei Virusinfektionen. Solche "Pseudoplacebos" dienen dazu, den Patienten zu beruhigen und ihm das Gefühl zu geben, therapiert zu werden. Das ethische Problem auch hier: Der Arzt klärt den Patienten nicht darüber auf, dass das verabreichte Mittel eigentlich nutzlos ist. Er verstößt damit gegen seine Aufklärungspflicht. Dennoch meint Walburg, dass es in Ausnahmefällen sinnvoll sein kann, Placebos oder Pseudo-Placebos zu verschreiben. Etwa bei Patienten, die sehr stark auf eine medikamentöse Therapie drängten oder die dazu neigten, wahllos eine Vielzahl von Medikamenten zu schlucken. Hier könne es sinnvoll sein, Placebos zu geben – gewissermaßen als "symbolisches Heilsversprechen". Wichtig sei jedoch, so Walburg, dass der Arzt sich seinem Patienten irgendwann offenbare und darüber informiere, warum er Placebos eingesetzt hat, und dass er weitergehende Therapieangebote macht.

Der Arzt Klaus Schonauer aus Konstanz bezieht in dem Artikel eine klare Gegenposition und beurteilt die Placebo-Therapie äußerst kritisch. Er sieht darin ein "Element aktiver Täuschung, wie etwa die des Zauberers, der die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf ein glitzerndes Etwas lenkt, um das Kaninchen verschwinden zu lassen."

M. Walburg, K. Schonauer:
Die Zulässigkeit von Placebos im klinischen Alltag.
Psychiatrische Praxis 2009; 36 (8): S. 359-361

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