Herdenschutzwirkung: Impfung gegen Pneumokokken schützt nicht nur die geimpften Kleinkinder

fzm, Stuttgart, Juli 2014 – Seit in Deutschland Kinder unter zwei Jahren gegen Pneumokokken geimpft werden, sinkt nicht nur in dieser Altersgruppe die Zahl der schweren Lungen- und Hirnhautentzündungen durch das Bakterium. Eine günstige Entwicklung ist einer Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) zufolge auch bei Erwachsenen nachweisbar. Die Forscher sprechen von einer Herdenschutzwirkung.

Pneumokokken, genauer: Streptococcus pneumoniae, sind weltweit eine der häufigsten Ursachen von Lungenentzündung, Blutvergiftung und Hirnhautentzündung. Bei Kindern sind sie oft auch Erreger einer Mittelohrentzündung. Eine Impfung gegen Pneumokokken ist seit längerem möglich, doch die älteren sogenannten Polysaccharid-Impfstoffe sind bei Kleinkindern noch nicht wirksam. Erst ein 2001 eingeführter Konjugat-Impfstoff kann vor dem zweiten Lebensjahr eingesetzt werden. Anfangs wurde er nur bei Kleinkindern mit einem erhöhten Risiko eingesetzt. Seit Juli 2006 empfiehlt ihn die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut für alle Kinder vor dem vollendeten zweiten Lebensjahr. Der erste Impfstoff (PCV7) schützte nur vor sieben von bis zu 94 Serotypen des Bakteriums. Im April 2009 wurde ein zweiter Impfstoff eingeführt, der gegen zehn Serotypen schützt (PCV10). Im Dezember 2009 wurde der PCV7-Impfstoff gegen einen PCV13-Impfstoff ausgetauscht, der 13 Serotypen umfasst.

Die Auswirkungen der Impfempfehlung wurden schon bald am Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken an der Uniklinik RWTH Aachen spürbar. Forscher führen dort für Labore aus ganz Deutschland eine spezielle Erregerdiagnostik durch, die auch die einzelnen Serotypen umfasst. Schon bald trafen in Aachen weniger Isolate ein, in denen die Erreger gefunden wurden, vor denen PCV7 schützt. Der Anteil sank von 65 Prozent in den Jahren vor der STIKO-Empfehlung auf zuletzt fünf Prozent, berichten Privatdozent Matthias Imöhl und Dr. Mark van der Linden vom Referenzzentrum. Aber auch bei den Erwachsenen, die nicht gegen Pneumokokken geimpft wurden, sank der Anteil von ursprünglich etwa 40 bis 45 Prozent auf acht Prozent. Impfexperten erklären dies durch einen Herdenschutzeffekt: Kleinkinder, die nicht an Pneumokokken erkranken, können auch keine Erwachsenen anstecken. Ein ähnlicher Effekt wurde auch in den USA beobachtet, so die Autoren der Studie. Dort war die Pneumokokken-Konjugat-Impfung bei Kindern bereits im Jahr 2000 eingeführt worden.

Da die Impfung nicht gegen alle Serotypen schützt, war befürchtet worden, dass andere Nicht-Impfstoff-Serotypen in die ökologische Nische eindringen, die durch die Beseitigung der Impfstoff-Serotypen geschaffen wird. Ein solches „Replacement“ war tatsächlich nachweisbar. Der Anteil der Serotypen, gegen die auch die neueren Impfstoffe PCV10 und PCV13 nicht wirksam sind, ist leicht angestiegen. Die Gesamtzahl der eingesandten Isolate ist jedoch weiter rückläufig, berichtet Dr. Imöhl.

Die Impfung wirkt sich indirekt auch auf die Wirksamkeit von Antibiotika aus. Einige Serotypen sind dafür bekannt, besonders häufig resistent gegen Penicillin oder Makrolide zu sein. Die meisten dieser Serotypen werden jedoch von den Impfstoffen erfasst, so dass die Impfung zu einem Rückgang der Resistenzen führen könnte. Nachweisbar war dies bei den Makroliden: Bei den Kinder lag die Resistenzrate im Jahr 2012/2013 mit etwa fünf Prozent auf dem niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Bei Erwachsenen ist sie von einem Gipfel von zwölf bis 19 Prozent im Jahr 2005/2006 zuletzt auf acht Prozent gefallen. Hier könnte sich die Impfung günstig ausgewirkt haben.

Resistenzen von Pneumokokken gegen Penicillin sind seltener. Das Antibiotikum ist auch 60 Jahre nach seiner Einführung das Antibiotikum der Wahl bei Pneumokokken, berichten Dr. Imöhl und Dr. van der Linden. Die Resistenzrate bei Kindern liege nach wie vor bei unter vier Prozent, bei Erwachsenen waren weniger als zweieinhalb Prozent der Isolate unempfindlich gegen Penicilline.

M. Imöhl und M. van der Linden:
Invasive Pneumokokken-Erkrankungen in Deutschland im Zeitalter der Pneumokokken-Konjugat-Impfung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (25/26); S. 1346-1351