Psychotherapie per Hausbesuch: Ältere Patienten besser versorgen

fzm, Stuttgart, Juli 2015 – Psychische Störungen im Alter sind häufig, denn die Lebensumstände Hochbetagter können besonders belastend sein. Viele Betroffene sind – beispielsweise aufgrund eingeschränkter Mobilität – jedoch nicht in der Lage, eine psychotherapeutische Praxis aufzusuchen. Hausbesuche könnten hier Abhilfe schaffen. Eine solche aufsuchende Psychotherapie ist bislang jedoch sehr selten, kaum beschrieben und nicht empirisch untersucht. Über seine eigenen Erfahrungen berichtet Dr. med. Reinhard Lindner, Oberarzt für Alterspsychotherapie an der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg in der Fachzeitschrift „PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015).

Für seine explorative Studie greift Lindner auf Therapiesitzungen mit insgesamt sieben Patienten im Alter zwischen 77 und 89 Jahren zurück, die er über zwei Jahre hinweg in ihrem Lebensumfeld – im Heim oder zu Hause – psychotherapeutisch betreut hat. Die Patienten wurden wegen affektiver Störungen, Anpassungsstörungen, zurückliegender Suizidversuche oder latenter Suizidneigung behandelt. Während der Therapie wurde häufig über für diese Altersgruppe naheliegenden Themen wie Krankheit, Einschränkungen, Sterben und Tod gesprochen. Psychische und körperliche Symptome sowie intrapsychische und interpersonelle Konflikte konnten ebenso in die Therapie miteinbezogen werden wie lebensgeschichtliche Hintergründe.

Lindner geht es in seiner Untersuchung vor allem um die Unterschiede, die sich im Vergleich zur Behandlung in der ärztlichen Praxis ergeben. „Die Psychotherapie bekommt hier den Charakter eines Besuchs, der Therapeut wird oft wie ein Gast empfangen“, sagt er. Ein regelmäßiger Hausbesuch mit ausgedehntem Therapiegespräch kann vom Patienten als besondere Zuwendung erlebt und mit unangemessenen Erwartungen aufgeladen werden. Der Therapeut wird direkt in die soziale Welt des Patienten eingeführt: Er begegnet dem Ehepartner, den Mitbewohnern oder Haustieren und ist einer Vielzahl von Sinneseindrücken ausgesetzt. Anders als in der eigenen Praxis kann der Therapeut die Räumlichkeiten nicht selbst so gestalten, dass ein optimales Arbeitsumfeld entsteht. Oftmals muss er eine ruhige Gesprächsatmosphäre erst herstellen, indem er etwa darum bittet, dass Radio oder Fernseher abgestellt werden.

„Es bedarf einer besonderen Wachsamkeit gegenüber all diesen Einflüssen, um sich unabhängig und dennoch empathisch, abstinent und dennoch sozial kompetent um die psychische Innenwelt des Patienten zu bemühen“, sagt Reinhard Lindner. Gerade für die von ihm angewandte ich-stützende psychodynamische Psychotherapie können diese Aspekte von großer Bedeutung sein: Hierbei übernimmt der Therapeut die Rolle eines „Hilfs-Ichs“, das dem Patienten gegenüber grundsätzlich wohlwollend eingestellt ist, seine Lebenssituation reflektiert und dann die Belastungen benennend, aber auch anregend, klärend und stärkend auf ihn zurückwirkt.

„Aufsuchende Psychotherapie ist möglich“, lautet das Fazit, das Reinhard Lindner aus seinen Erfahrungen zieht. Der Rahmen des Hausbesuchs fordere jedoch die Fähigkeit des Therapeuten, sich mit dem Patienten zu identifizieren und sich gleichzeitig reflektierend von ihm zu distanzieren, in besonderer Weise heraus, so der Hamburger Psychotherapeut. Bei welchen Indikationen und mit welcher Frequenz die aufsuchende Psychotherapie besonders wirksam ist, müsse in weiteren Studien geklärt werden, so Lindner.

R. Lindner und M. Sandner:
Psychotherapie auf der Couch des Patienten
PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2015; 65 (6); S.204-212