Probiotika: Nachhilfe für die "Schule des Immunsystems"

fzm – Die Einnahme von Medikamenten mit lebenden Bakterien, sogenannten Probiotika, soll gesundheitsfördernde Eigenschaften für den Darm und das Immunsystem haben. Nicht alle Wirkungen sind jedoch belegt, und einigen Menschen könnten die Präparate auch schaden, erläutert ein Experte in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Bakterien und andere Mikroorganismen sind im menschlichen Körper in der Überzahl. Auf seiner etwa 300 Quadratmeter großen Fläche beherbergt der Darm zehnmal mehr Mikroben, als der gesamte menschliche Körper Zellen hat, berichtet Privatdozent Dr. Peter Deibert von der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg. Die Besiedlung erfolgt nach der Geburt. Der schrittweise Aufbau der Darmflora, wie Ärzte das Ökosystem im Verdauungstrakt nennen, ist für die Reifung der Immunabwehr enorm wichtig. Mehr als die Hälfte aller Abwehrzellen befindet sich im Darm, den Experten wie Dr. Deibert deshalb auch als Schule des Immunsystems bezeichnen. Hier lernen die Abwehrzellen, mögliche Erreger zu erkennen und angemessen abzuwehren. Störungen der Darmflora im Kindesalter können eine "Fehlprogrammierung" zur Folge haben.

Gefährdet sind bereits Frühgeborene, bei denen es in den ersten Lebenstagen zu einer schweren Darminfektion kommen kann, der nekrotisierenden Enterokolitis. Die Behandlung mit Probiotika kann hier unter Umständen einen tödlichen Verlauf verhindern, berichtet Dr. Deibert.

Beim Säugling kann eine Störung der Darmflora die Entwicklung einer Neurodermitis fördern. Dr. Deibert: Eine zu frühe Besiedlung mit dem Bakterium E. coli verdoppelt das Ekzemrisiko. Stillen wird eine schützende Wirkung zugeschrieben. Doch wenn die Mutter selbst allergisch ist, kann sie durch das Stillen auch ungünstige Bakterien übertragen. Um dies zu verhindern, wurden in Studien die Mütter vor der Geburt und die Kinder nach der Geburt mit Probiotika behandelt. Die bisherigen Ergebnisse sind nach Einschätzung von Dr. Deibert jedoch widersprüchlich: Zur Vorbeugung oder Behandlung der Neurodermitis können Probiotika derzeit noch nicht uneingeschränkt empfohlen werden.

Auch zur Behandlung von Durchfallerkrankungen, unter denen Kinder häufig leiden, sind Probiotika in der Diskussion. Dr. Deibert überblickt mehr als 50 Studien. Doch auch hier wurde das optimale Probiotikum noch nicht gefunden. Sinnvoll erscheint dem Experten dagegen der Einsatz zur Vorbeugung von Durchfallerkrankungen nach Antibiotikabehandlungen. Die Wirkung der Probiotika sei hier bei Kindern günstiger als bei Erwachsenen. Das gelte auch für Reisedurchfälle, ein weiteres Einsatzgebiet von Probiotika: Die schützende Wirkung war bei Kindern mehr als doppelt so hoch wie bei Erwachsenen.

Ärzte verordnen Probiotika inzwischen auch beim Reizdarm-Syndrom: Durchfall oder Verstopfung, Blähungen oder Schmerzen werden vielfach gelindert, berichtet der Mediziner. Anders ist die Datenlage bei den schweren entzündlichen Darmerkrankungen: Beim Morbus Crohn hat bisher keine Studie eine Wirksamkeit belegt. Bei der Colitis ulcerosa wird ein Präparat mit dem Bakterienstamm E.-coli-Nissle empfohlen, um Rückfälle zu vermeiden. Gesichert ist der Einsatz bei Patienten, denen der Dickdarm entfernt werden musste. Probiotika beugen hier einer Entzündung in dem Ersatzreservoir, Pouch genannt, vor, den Chirurgen aus Teilen des Dünndarms bilden. Dr. Deibert: Für die Pouchitis liegen die überzeugendsten Daten zum Einsatz von Probiotika bei chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten vor.

Probiotika können, da sie lebende Bakterien enthalten, auch gefährlich werden. Bei Patienten mit akuten Entzündungen der Bauchspeicheldrüse kam es in einer Studie sogar zu vermehrten Todesfällen, warnt der Experte. Auch nach einer Darmverkürzung ist nach Einschätzung des Autors Vorsicht mit dem Einsatz von Probiotika geboten.

Ein neues, noch wenig erforschtes Einsatzgebiet ist die Behandlung des Übergewichts. Einige Darmbakterien spalten Nahrungsbestandteile, die für den Menschen unverdaulich sind. Dr. Deibert: Sie decken etwa zehn Prozent des Energiebedarfs. In Tierversuchen konnte durch die gezielte Besiedlung des Darms das Fettgewebe deutlich vermehrt werden. Auch das Hormonsystem wurde beeinflusst. Laut dem Experten gibt es Hinweise, dass bei Übergewichtigen die Darmbesiedlung gestört ist. Ob allerdings durch Probiotika ein Übergewicht verhindert oder sogar behandelt werden kann, ist derzeit noch nicht geklärt.

P. Deibert et al.:
Sinnvoller Einsatz von Probiotika in Prävention und Therapie.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (8): S. 345-349

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