Psyche und Krebs – ein kompliziertes Verhältnis

Stuttgart, Juni 2010 – Viele Menschen, die an Krebs erkranken, suchen nach Gründen für ihr existenzbedrohendes Leiden. Nicht wenige machen sich selbst verantwortlich für die schlimme Diagnose oder führen psychische Faktoren an – etwa Stress, Perfektionismus oder Gefühle der Hoffnungslosigkeit. So sind beispielsweise vier von zehn Brustkrebspatientinnen der Überzeug, dass übermäßiger Stress zu ihrer Erkrankung geführt habe. Wie ein Experte nun in der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) darlegt, mangelt es jedoch an überzeugenden Belegen für psychische Auslöser bei Krebserkrankungen.

„Der Einfluss psychischer Faktoren wie etwa Stress, Lebenskrisen oder Depressionen auf das Zustandekommen einer Krebserkrankung ist möglich, biologisch erklärbar, aber empirisch nicht gesichert“, so Professor Dr. med. Wolfgang Söllner, Arzt am Universitätsklinikum Nürnberg. Die Studienlage sei widersprüchlich und inhomogen.

Manche Hoffnungen der psychosomatischen Forschung hätten sich nicht erfüllt. Beispielsweise sei es nicht möglich, die Überlebenswahrscheinlichkeit durch Psychotherapie oder psychosoziale Unterstützungsangebote zu steigern – anders lautende Befunde aus den frühen 90er Jahren haben sich als falsch erwiesen oder konnten nicht repliziert werden. „Die allzu optimistischen Erwartungen, dass Psychotherapie zu einem längeren Überleben mit Krebs oder gar zu einer Heilung beitragen könnte, wurden damit auf den Boden der Realität zurückgeholt.“

In umfangreichen Metaanalysen ließ sich bislang kein kausaler Zusammenhang zwischen Psyche und Krebs nachweisen. Dennoch, so Söllner, haben psychische Komponenten einen mittelbaren Einfluss auf den Verlauf der Krankheit und auf die vom Patienten gewählte Bewältigungsstrategie. Erkrankt beispielsweise eine depressiv veranlagte Frau an Brustkrebs, so kann bei ihr die Bereitschaft verringert sein, eine Chemotherapie durchzustehen. Diese verminderte Mitarbeit bei der Krebsbehandlung reduziert dann möglicherweise ihre Überlebenschance. Wissenschaftlich belegt ist auch, dass Depressive eher Verhaltensweisen an den Tag legen, die das Krebsrisiko erhöhen. Im Gegensatz zu psychisch gesunden Personen gehen sie seltener zu Vorsorgeuntersuchungen, konsumieren mehr Alkohol und rauchen stärker.

Die Persönlichkeit eines Menschen hat folglich keinen direkten, sondern einen indirekten Einfluss auf die Entstehung von Krebs. Ein weiteres Beispiel aus der Forschungsliteratur: Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung neigen dazu, sich UV-Strahlung länger ungeschützt auszusetzen als „normale“ Personen. Die Folge: Sie erkranken häufiger an Hautkrebs. Solche indirekten Einflüsse will die Wissenschaft in Zukunft stärker erforschen – und verstehen lernen.

Lange Zeit postulierten Forscher eine so genannte „Krebspersönlichkeit“. Dieses Konzept geht auf die US-Wissenschaftlerin Lydia Temoshok zurück. Sie glaubte, dass jene Menschen eher an Krebs erkranken, die ihre Gefühle unterdrücken, pessimistisch sind und wenig selbstbestimmt handeln. Doch mittlerweile ist belegt: Eine Krebspersönlichkeit gibt es nicht.

Dennoch neigen Betroffene dazu, ihre Krankheit psychologisch zu deuten. Das kann einerseits sinnvoll sein, um der Erkrankung einen tieferen Sinn zu geben und um die Lebensziele neu zu bestimmen, so Söllner. Andererseits führt eine solche Haltung häufig zu Schuldgefühlen. Schließlich herrsche in der Öffentlichkeit der Irrglaube vor, man könne mit Kampfgeist und positivem Denken den Krebs niederringen. Wem das aber nicht gelinge, der sei anfällig für Versagens- und Schuldängste, meint Söllner. Aufgabe von Psychotherapeuten sei es deshalb, das subjektive Krankheitsverständnis von Krebspatienten zu verstehen und ernst zu nehmen – und die Wirkkraft der Psyche realistisch einzuschätzen.

W. Söllner:
Psyche und Krebs. Können psychosoziale Faktoren Krebs verursachen oder den Verlauf von Krebserkrankungen beeinflussen?
PiD Psychotherapie im Dialog 2010; 11 (2): S. 145-150

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