• Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung - © Marco Drux/Adobe.Stock.com

    Psychische Erkrankungen sind in Deutschland der vierthäufigste Grund für eine Arbeitsunfähigkeit. Trotz Behandlung fällt vielen Patienten die Wiedereingliederung schwer. © Marco Drux/Adobe.Stock.com

     

Psychiatrische Erkrankungen: Warum der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben oft misslingt

Nach einer stationär-psychiatrischen Behandlung schaffen es viele Patienten nicht, an ihrem alten Arbeitsplatz wieder Fuß zu fassen. Die Betroffenen führten laut einer Studie in der Fachzeitschrift “Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018) auch auf die Probleme und Konflikte an ihrer Arbeitsstelle zurück, die sie für ihre Erkrankung mit verantwortlich machen. Experten empfehlen daher arbeitsbezogene Belastungsfaktoren in der Behandlung frühzeitig zu thematisieren und Hilfe beim Berufswiedereinstieg zu leisten. Unterstützende Maßnahmen würden bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz bisher zu selten genutzt.

Psychische Erkrankungen sind in Deutschland der vierthäufigste Grund für eine Arbeitsunfähigkeit. Dabei erhalten viele Patienten eine längere stationäre oder teilstationäre Behandlung, die sie bei der Wiedereingliederung in die Arbeitswelt unterstützen soll. Ob das funktioniert hat Lena Mernyi gemeinsam mit zwei Kollegen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar in München untersucht.

Für ihre Studie erfassten die Forscher alle Patienten, die zwischen März und August 2014 auf einer allgemeinpsychiatrischen Station oder Tagkliniken im Großraum München und Augsburg in Behandlung waren. Aus ihnen wählten alle zwischen 18 und 65 Jahren aus. Insgesamt waren es 815 Patienten, die sie kurz vor ihrer Entlassung und drei Monate danach zu ihrem Arbeitsverhältnis befragten.

Demnach hatten vor Beginn der Therapie nur 21 Prozent einen laufenden Arbeitsvertrag am ersten Arbeitsmarkt. Dabei waren zwischen den verschiedenen Stationstypen deutliche Unterschiede erkennbar: Während in den Tagkliniken 54 Prozent der Patienten einen laufenden Arbeitsvertrag hatte, waren es auf den offenen Stationen mit nur 24 Prozent deutlich weniger. Auf den beschützten Stationen waren es sogar nur 13 Prozent. Drei Monate nach der Entlassung war ein weiteres Drittel nicht mehr an den alten Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Schon bei der ersten Befragung vor der Entlassung aus der Klinik fiel auf, dass viele Patienten ihre Zukunft skeptisch beurteilten. Ein Großteil fühlte sich zwar fachlich den Anforderungen am Arbeitsplatz gewachsen. Fast die Hälfte erklärte jedoch, dass sie das Arbeitspensum überfordert habe. Die Mehrheit gab an, dass sie für ihre Tätigkeit nur teilweise oder nicht ausreichend wertgeschätzt wurde. Am häufigsten beklagten sich die Patienten über Konflikte am Arbeitsplatz. Meist gab es Probleme mit Vorgesetzten, aber auch das Verhältnis zu den Kollegen und manchmal auch mit den Kunden war oft angespannt. Viele Patienten machten die Probleme am Arbeitsplatz für ihre aktuelle Erkrankung mit verantwortlich.

Bei einer zweiten Befragung nach drei Monaten hatten sich die Befürchtungen für viele erfüllt. Fast 30 Prozent waren nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt. Für Mernyi und Kollegen ist das ein alarmierend hoher Anteil, zumal die wenigsten eine andere Stelle gefunden hatten. Auch die Patienten, die wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt waren, erhielten nach Ansicht von Mernyi nicht die notwendige Unterstützung.

Nur die Hälfte hatte die Möglichkeit einer stufenweisen Eingliederung in den Arbeitsprozess genutzt, die die Arbeitsstunden zunächst begrenzt. Nur bei einem Drittel hatte ein Rückkehrgespräch mit dem Vorgesetzten stattgefunden. Noch weniger hatten eine Einladung zu einem betrieblichen Eingliederungsmanagement erhalten. Vorhandene Maßnahmen zur Unterstützung bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz würden zu selten genutzt, kritisieren die Wissenschaftler.

Die Studie zeigt auch, dass psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz weiterhin tabuisiert werden. Weniger als die Hälfte der Patienten sagte, dass sie mit ihren Arbeitskollegen offen über die Diagnose reden könnten. Viele hatten ihren Kollegen den Grund für die Fehlzeit verschwiegen. „Unterstützende Maßnahmen sind wichtig, da Patienten nach einem psychiatrischen Krankenhausaufenthalt gefährdet sind, erneut zu erkranken“, betonen Mernyi und Kollegen. Die Kliniken, die die Patienten bereits bei der Eingliederung unterstützen, sollten noch stärker als bisher angstbesetzte Themen thematisieren.

L. Mernyi, P. Hölzle, J. Hamann:
Berufstätigkeit und Rückkehr an den Arbeitsplatz bei stationär-psychiatrisch behandelten Patienten.
Psychiatrische Praxis 2018; 45 (4); S.197–205

 

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