Psychotherapie im Internet – Fluch oder Segen?

fzm – Psychiater und Psychotherapeuten bewerten den Nutzen des Mediums Internet ganz unterschiedlich. Während die einen glauben, dass es möglich sei, Menschen online zu beraten und zu therapieren, warnen die anderen vor überzogenen Erwartungen. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten Pro-und Contra-Debatte in der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) hervor.

Der Potsdamer Arzt Kai von Harbou ist Gründer und Geschäftsführer eines Internetportals für Online-Sprechstunden. "Telepsychiatrie, in der Form einer interaktiven Videokonferenz, wie der Online-Sprechstunde, ist ein zeitsparendes, kostengünstiges und umweltfreundliches Mittel, um die Qualität und Quantität der Versorgung zu verbessern", begründet von Harbou den Einsatz moderner Technologien. Er verweist auf mehrere Forschungsarbeiten, die zu dem Schluss kommen, dass Online-Behandlungen effektiv sind. So nennt er beispielsweise eine im Jahr 2007 publizierte Studie des Psychiaters Richard O´Reilly. Daraus geht hervor, dass Online-Therapien vergleichbar effektiv sind wie herkömmliche Behandlungen – und zugleich zehn Prozent kostengünstiger. "Zahlreiche internationale Studien belegen den medizinischen, wie auch den ökonomischen Nutzen und berichten von einer hohen Akzeptanz unter Patienten und Leistungserbringern", urteilt von Harbou. "Insgesamt ist ein grundsätzlicher Vorbehalt gegen Telemedizin heute weder technologisch noch wissenschaftlich oder rechtlich begründbar."

Der Psychologe Hans Kordy, Leiter der Forschungsstelle Psychotherapie an der Universität Heidelberg, warnt vor "Trittbrettfahrern". Zwar sei belegt, dass sich diese Technologien sinnvoll einsetzen ließen, doch müsse auch gesehen werden, welche Probleme damit verbunden seien: So liege beispielsweise die Rate der Behandlungsabbrüche in telemedizinischen Therapien bei 80 Prozent. Kordy sieht Chancen für die Gesundheitsversorgung, warnt aber vor dem naiven Glauben, dass die Technologien allein schon Nutzen schaffen. Die Chancen müssten wissenschaftlich erarbeitet werden. Klare Wirksamkeitsnachweise seien unabdingbar. Diese sind nur bei einigen wenigen Störungsbildern erbracht. Bisher hätten es lediglich zwei Computerprogramme in Großbritannien geschafft, in die Versorgungsroutine aufgenommen zu werden – nämlich "Fear fighter" zur Behandlung von Ängsten und Phobien und "Beat the Blues" bei Depressionen.

Zwar sei es auch denkbar, psychiatrische Sprechstunden und Erstgespräche via Online-Konferenz durchzuführen, doch gäbe es bisher keine wissenschaftlichen Belege, dass Tele-Sprechstunden wirksam sind. "Innovationen wecken Erwartungen und Ängste – sowohl bei potenziellen Nutzern als auch bei potenziellen Anbietern", schlussfolgert Kordy. Der Grat zwischen Mut und Übermut sei groß. Deshalb plädiert er für mehr Forschung in diesem Bereich – um die Chancen und Risiken besser bestimmen zu können.

K. v. Harbou, H. Kordy:
Psychiatrische Sprechstunde im Internet.
Psychiatrische Praxis , 2009; 36 (7): S. 308-310

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