Wenn die Tabletten nicht mehr die gewohnten sind: Rabattverträge verunsichern Patienten

Stuttgart, Februar 2009 – Seit Krankenkassen mit den Arzneimittelherstellern Rabatte aushandeln dürfen, erhalten viele Patienten beim Apotheker nicht mehr die gewohnten Pillen. Eine Umfrage unter Herzpatienten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) ergab, dass dies viele Patienten verwirrt und verunsichert und manchmal zu Einnahmefehlern führt.

Seit der Gesundheitsreform 2007, offiziell heißt sie "GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz", dürfen die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) mit den Pharmafirmen Rabattverträge abschließen. Sie sehen vor, dass die Patienten ein bestimmtes Medikament zu einem für die Kasse besonders günstigen Preis erhalten. Die Bedingung ist, dass Medikamente anderer Hersteller mit dem gleichen Wirkstoff nach Möglichkeit nicht mehr verordnet werden. Für den Kassenpatienten kann dies bedeuten, dass sein Medikament plötzlich einen anderen Namen hat, wobei der Wirkstoff der gleiche geblieben ist. Häufig ändert sich nicht nur die Packung, sondern auch Form, Größe und Farbe der Tablette. Selbst eine vormals vorhandene Kerbe zur leichteren Teilbarkeit kann fehlen. Diese Erfahrungen machten im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes viele Patienten einer Gruppe von Hausärzten aus dem Weschnitztal in Südhessen. Die Ärzte berichteten Forschern der Universität Heidelberg, von denen sie im Rahmen eines Qualitätszirkels beraten werden, von den Problemen und Sorgen ihrer Patienten. Daraufhin führten Dr. Rüdiger Leutgeb von der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung und Mitarbeiter der Uniklinik Heidelberg eine Umfrage unter Herzpatienten durch. Diese Patienten wurden ausgewählt, weil sie häufig mehrere Medikamente einnehmen müssen.

Mehr als die Hälfte der Patienten hatte erlebt, dass sich die Medikamentenpackung und sein Inhalt verändert hatten. Dr. Leutgeb: Jeder zweite fühlte sich durch diese Veränderungen verunsichert, jeder fünfte beschrieb sogar unerwünschte Wirkungen. Die Patienten klagten über eine schlechtere Verträglichkeit, in Einzelfällen über Allergien. Dr. Leutgeb hält diese Angaben für glaubhaft. Es sei bekannt, dass Press- oder andere Hilfsstoffe die Verträglichkeit von Medikamenten verändern können, auch wenn die Wirkstoffe dieselben sind. Das Ausmaß der Nebenwirkung wurde allerdings in der Studie nicht erfasst. Unklar ist auch, ob einzelne Patienten die Therapie deswegen abgebrochen haben.

Jeder fünfte Patient berichtete, dass der Wechsel Probleme bei der Vorbereitung der Einnahme bereitet habe. Einige hätten ihre Tabletten nach der Entnahme aus der Packung nicht mehr erkannt, andere meinten, es sei sogar zu Verwechslungen gekommen. Die meisten wandten sich schließlich an ihren Arzt oder Apotheker.

Den Hausärzten raten die Autoren, sich von den Patienten regelmäßig zeigen zu lassen, welche Tabletten sie einnehmen. Dieser Medikamentencheck sei dann ein guter Anlass, um den Patienten Hilfestellungen bei den auftretenden Fragen eines sich häufig verändernden Medikamentenplanes zu geben. Die Umfrage zeigte auch, dass viele Patienten noch immer nicht über alle Aspekte der Reform informiert sind und dass sich Patienten trotz des Medieninteresses um das Gesetz in erster Linie bei ihrem Arzt oder Apotheker über die sie betreffenden Auswirkungen informieren.

R. Leutgeb et al.:
Krankenkassen-Rabattverträge: Probleme und Risiken für den Hausarzt bei der Betreuung chronisch kranker Patienten.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (5): S. 181-186

Siehe auch:

M. G. Pruszydlo et al.:
Medizinische Probleme und Risiken bei der rabattvertragsgerechten Umstellung von Medikationen in Deutschland.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (27): 1423-1428

A. Korupp:
Medizinische Probleme und Risiken bei der rabattvertragsgerechten Umstellung von Inhalatoren in Deutschland. Zu dem Beitrag in DMW 27/2008
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (37): 1857 (Leserbrief)

W. E.Haefeli:
Medizinische Probleme und Risiken bei der rabattvertragsgerechten Umstellung von Inhalatoren in Deutschland - Erwiderung.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (37): 1858 (Erwiderung)

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