Saisonale und regionale Familienküche: Organic Cooking

Sabine Huth-Rauschenbach lebt mit Mann und zwei Kindern in Stuttgart. Sie ist Journalistin und spezialisiert auf die Themen nachhaltige, saisonale und regionale Küche sowie Slow Food.

Im Jahr 2009 beschäftigte ich mich als Übersetzerin mit dem Thema Food Waste, das damals in Großbritannien hohe Wellen schlug. Die Regierung hatte die Seite „Love Food Hate Waste“ ins Leben gerufen, um die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen. Das Problem war auf der Insel relativ groß, gerade weil viele Supermärkte mit „By one get one free“-Angeboten lockten. Viel davon landete im Müll. Ich fasste mich selbst an die Nase und wollte etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun. Das war der Anfang meines Blogs „Die moderne Speisekammer“.

Auf eine Anfrage beim Bund gab es dazu noch keine Zahlen für Deutschland, da die entsprechende Studie erst 2012 im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft von der Universität Stuttgart durchgeführt wurde. Das Ergebnis: In Deutschland werden jährlich 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel ungenützt weggeworfen – allein in den privaten Haushalten. Das heißt jeder Deutsche wirft im Durchschnitt jährlich 82 kg Lebensmittel weg, der Gegenwert: 235 Euro. Geld, das man anderswo ausgeben oder vielleicht in qualitativ bessere, aber vielleicht etwas teurere Lebensmittel anlegen könnte.

Der Grund, dass wir so viel wegwerfen, liegt nämlich unter anderem an den sehr günstigen Lebensmittelpreisen. Die verleiten, mehr zu kaufen als nötig und es schmerzt natürlich weniger, wenn man das Produkt dann entsorgt. Außerdem ein Problem: die viel zu große Auswahl. Man ist immer wieder versucht, Neues auszuprobieren. Dieses Überangebot verweist auf ein weiteres großes Problem nämlich die Verschwendung im Einzelhandel und in der Industrie. Der Einzelhandel möchte die Konsumenten und ihre Lust nach ständig Neuem befriedigen – also muss man auch bis zu 50 verschiedene Sorten Joghurt in den Regalen haben. Es wird dabei willentlich in Kauf genommen, dass ein großer Teil davon kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt wird. Besonders problematisch ist das beim Brot, da Bäckereien und hier vor allem Großbetriebe bis kurz vor Ladenschluss immer das gesamte Sortiment vorhalten wollen – vieles davon wird dann weggeworfen bzw. „thermisch verwertet“. Tolles Wort.

Wie kann ich als Einzelner verantwortungsbewusst mit Lebensmitteln und Ressourcen umgehen?

Strategie 1: Rezepte bevorzugen, die mit wenigen exotischen Zutaten auskommen, saisonal und leicht zu kochen sind, regionale Lebensmittel bevorzugen, so dass keine hohe „Fehlerquote “ auftritt.

Strategie 2: Rezepte bevorzugen, die Reste verwerten bzw. deren Reste verwertet werden können.

Strategie 3: Kompetenz an Familien weitergeben, gesund kochen zu können und mit den Kindern kochen.

Strategie 4: Alternativen aufzeigen, zum Beispiel wilde Beeren und Früchte verarbeiten, auf Alufolie verzichten, Überangebot einkochen oder einfrieren.

Problem ist, dass vielfach das Kochen verlernt bzw. gar nicht mehr erlernt wird. Ein Großteil der Menschen lebt weitgehend entkoppelt vom Lebensbereich Landwirtschaft/ Lebensmittelerzeugung. Viele Kinder kennen nur noch eine sehr eingeschränkte Anzahl von Obst- und Gemüsesorten. Weitreichende Kenntnisse gehen nach und nach verloren: Wie lagere ich Obst und Gemüse, was wächst wann und wo, wie kann ich Lebensmittel haltbar machen? Das führt auch in eine schleichende Abhängigkeit von der Nahrungsmittelindustrie. Denn die Realität sieht so aus: Im Bevölkerungsschnitt greifen vier von zehn Menschen mindestens ein- bis zweimal pro Woche zu Tütensuppe oder Tiefkühlpizza. Viele Kinder essen heutzutage außer Hause zu Mittag. Und tatsächlich ist es schwer für die Eltern, mit Kindern, Beruf und Haushalt noch Zeit zum Kochen zu finden. Mein Rat: im Familienverbund vorkochen und einfrieren, das heißt eigenes Convenience Food herstellen, und zwar alle gemeinsam. Es muss nicht sein, dass nur „Mutti“ in der Küche steht, kochen können sollten alle.

Es muss nicht immer Bio sein, Ware vom Discounter, noch besser vom Bauernhofladen eines konventionellen Bauers oder Marktstand ist ebenfalls gut. Hauptsache man kocht dann damit selbst. Vermeiden sollte man auf jeden Fall tausendfach in Plastik verpacktes Importgemüse/Obst aus dem weiteren Ausland. Hier ist nochmal darauf hinzuweisen dass Regionalität und Saisonalität Trumpf sind. Obwohl das ebenfalls seltsame Blüten treibt: Im Chiemgau gibt es bereits im April Zucchini aus regionalem Anbau. Der findet dann eben im Gewächshaus statt – pfiffige Bauern haben da einen Trend erkannt.

Zum Abschluss noch eine Liste an goldenen Regeln, die ich auf meinem Blog anfangs formuliert habe und die man ebenfalls auf dieses Buch anwenden kann, die meiner Philosophie entsprechen und nach denen wir als Familie zu leben versuchen:

  1. Saisonal und regional einkaufen
  2. Weniger Fleisch essen und wenn dann aus guter Quelle
  3. Nichts wegwerfen
  4. Weniger Convenience Food kaufen
  5. Seltener ins Restaurant oder zum Imbiss gehen
  6. Angemessene Portionen kochen
  7. Gemeinsam Spaß in der Küche haben


Es gilt das gesprochene Wort.

München, 21. Juli 2015