Reizdarmsyndrom: Probiotika sind Medikamenten häufig überlegen

Stuttgart, März 2011 – Wenn Schmerzen und Unwohlsein im Bauchraum verbunden mit Durchfällen oder Verstopfung das Leben zur Last machen, greifen viele Menschen zu Probiotika. Mit gutem Grund, denn die Wirkung der lebenden Bakterien ist beim Reizdarmsyndrom inzwischen gut belegt, wie Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) aufzeigen.

Probiotika haben eine lange Tradition in der Medizin, berichten Professor Paul Enck von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Tübingen und seine Kollegen. Schon Anfang des letzten Jahrhunderts vermuteten Mediziner, dass die Bakterien durch die Zersetzung von Eiweißen Gifte produzieren. Sie rieten damals, die “Fäulnis” im Darm durch die Einnahme von harmlosen Milchsäurebakterien zu verhindern. Einige der damals propagierten Bakterienstämme werden heute noch eingesetzt. Doch die These von der Autointoxikation, der Selbstvergiftung aus dem Darm, ist wissenschaftlich widerlegt, schreiben Professor Enck und Co-Autoren. Auch die Ansicht, dass die gutartigen Bakterien in den Probiotika die Krankheitskeime verdrängen, gilt inzwischen als überholt. Der genaue Wirkmechanismus von Probiotika ist nach Einschätzung der Experten jedoch nach wie vor ungeklärt. Man nehme derzeit an, dass die Bakterien einen günstigen Einfluss auf das Immunsystem im Darm haben.

Probiotika wirken laut Professor Enck bei Durchfallerkrankungen nach Antibiotikabehandlung und auf Reisen. Weitere Einsatzgebiete sind Infektionen mit Rotaviren und dem in Krankenhäusern verbreiteten Keim Clostridium difficile. Beim Reizdarmsyndrom wurde die Wirkung zumeist in kleineren Studien untersucht, deren Ergebnisse in Meta-Analysen zusammengefasst werden. In den vergangenen fünf Jahren sind mehr als zehn derartige Untersuchungen veröffentlicht worden. Professor Enck stellt in der DMW eine eigene Analyse vor. Sie basiert auf 14 Studien, die höheren Qualitätsstandards genügen. In ihnen wurden mehr als 1800 Patienten behandelt. Professor Enck errechnet eine Odds Ratio von 2,21. Das bedeutet, dass Patienten mit Reizdarmsyndrom unter der Therapie mehr als doppelt so häufig als bei den Vergleichstherapien eine Linderung erfuhren. In einer Liste der wirksamsten Therapien rangierten Probiotika nach Pfefferminzöl und einer Psychotherapie an dritter Stelle. Professor Enck: Damit sind die Probiotika vielen Medikamenten überlegen, die von der Pharmaindustrie teilweise mit erheblich höherem Aufwand entwickelt und getestet worden waren.

Welche Bakterien die beste Wirkung erzielen, ist nicht bekannt, schreiben die Experten. Die Frage lasse sich kaum klären, da viele Präparate Mischungen verschiedener Bakterien enthalten. So auch in den Studien, die Professor Enck mit seinem Team untersucht hat. Neben Bifidobakterien, Laktobazillus-Stämmen enthielten die Präparate auch Streptococcus faecalis, E. coli oder Enterococcus faecalis.

Bei Kindern sei die medikamentöse Behandlung des Reizdarmsyndroms besonders schwierig, erläutern die Autoren. Es gebe nur wenige nebenwirkungsarme Medikamente. Studien würden aus ethischen und rechtlichen Gründen kaum durchgeführt. Professor Enck: Daher sind nebenwirkungsarme Medikamente wie Probiotika besonders wichtig. Die deutsche Studie an mehr als 200 Kindern mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden habe die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit probiotischer Präparate bestätigt.

P. Enck et al.:
Probiotische Behandlung des Reizdarmsyndroms.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (8): S. 371–375

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