Nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen: Psychotherapie im Netz

fzm, Stuttgart, Februar 2016 – Unter den Ratgeberseiten im Internet findet sich eine wachsende Zahl von Seiten zu psychologischen und psychotherapeutischen Fragen. Die Angebote reichen bis hin zur Online-Therapie – ihre Nutzung ist jedoch nicht immer unproblematisch, warnen Experten. „Sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten sind therapeutische Online-Angebote – so wie jede Intervention – mit Risiken verbunden“, sagt Professor Christiane Eichenberg, Psychologin und Psychotherapeutin an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Birgit Stetina gibt sie in der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) einen Überblick über mögliche Stolperfallen.

Schon die Informationssuche im Netz birgt Risiken, denn nicht alle Seiten zum Thema bieten verlässliche Informationen. „Wenn etwa Essstörungen als unheilbar bezeichnet werden, so ist dies eine gravierende Fehlinformation, die Ratsuchende resignieren lässt“, warnt Eichenberg. Auffallend sei auch, dass viele Informationsseiten von Pharmaherstellern gesponsert seien. Entsprechend häufig werde dort auf pharmakologische Therapiemöglichkeiten als erstes Mittel der Wahl verwiesen.

Doch auch die Inhalte korrekter und ausgewogener Info-Seiten können Hilfesuchende überfordern: Psychologische Fachausdrücke bleiben für den Laien unverständlich, und allzu schnell ist mancher Nutzer davon überzeugt, „seine“ Diagnose gefunden zu haben. „Ohne das Feedback eines Fachmanns kann sich solch ein psychopathologisches Selbstbild leicht verfestigen“, betont Eichenberg. Generell gelte es als Fehler, Patienten mit einer psychologischen Diagnose allein zu lassen. Wirklich gefährlich werde es, wenn sich Menschen mit einer – korrekten oder inkorrekten – Selbstdiagnose über das Internet auch gleich mit den ihrer Ansicht nach passenden Medikamenten versorgen.

Bei Online-Angeboten, bei denen Diagnose und Therapie im Kontakt mit einem Fachmann stattfinden, wird der Patient mit seinem Problem zwar nicht allein gelassen. Doch tun sich auch hier Stolperfallen auf. „Der unmittelbare klinische Eindruck, der in einer Face-to-Face-Situation nicht wegzudenken ist, ist online nicht verfügbar“, schreiben Eichenberg und Stetina. Die klinische Urteilsbildung sei daher eindeutig eingeschränkt. Noch lägen zu dieser neuen Situation keine etablierten Richtlinien vor, daher müsse zu einem bedächtigen Vorgehen geraten werden.

Weitere online-spezifische Fragen betreffen etwa den Datenschutz, Unklarheiten in Bezug auf Normen in der schriftlichen Kommunikation – wie etwa der Verwendung von Emoticons und Abkürzungen – sowie der zu erwartenden Antwortfrequenz. „Befragungsstudien zeigen, dass Nutzer von Online-Angeboten häufiger ihre E-Mails abrufen, wenn sie auf eine Nachricht des Beraters warten“, sagt Eichenberg. Unerwartet lange Wartezeiten können labile Patienten weiter destabilisieren. Entsprechend könne auch ein vorübergehender Ausfall des Internets Verlustängste auslösen.

Bei jeder Therapie kann es zu Kunstfehlern kommen oder die Wirkung kann aus anderen Gründen ausbleiben. „Wie die Online-Therapie hier im Vergleich zur Therapie von Angesicht zu Angesicht abschneidet, ist noch nicht bekannt“, so Eichenberg und Stetina. Um Fehler und deren Häufigkeit und Ursachen besser identifizieren zu können, sei eine systematische Forschung dringend nötig. Denn trotz aller Kritik gehen die Wiener Psychologinnen davon aus, dass Online-Anwendungen in der Psychotherapie auch Chancen bieten und sich weiter etablieren werden.

C. Eichenberg und B. U. Stetina:
Risiken und Nebenwirkungen in der Online-Therapie
PiD Psychotherapie im Dialog 2015; 16 (4), S. 56–60