Der Mythos des rückengerechten Hebens

Stuttgart, Februar 2011 – Seit Jahren wird Menschen, die schwere Lasten heben müssen, empfohlen, dies möglichst aus der tiefen Hocke heraus zu tun. Diese Hebetechnik soll die Belastung für die Wirbelsäule minimieren, die Bandscheiben so weit wie möglich schonen und Rückenschmerzen vorbeugen – so die Theorie. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) entlarven Physiotherapeuten der Rehaklinik Bellikon in der Schweiz diese Empfehlung nun als Mythos.

Seit Jahren wird Menschen, die schwere Lasten heben müssen, empfohlen, dies möglichst aus der tiefen Hocke heraus zu tun. Diese Hebetechnik soll die Belastung für die Wirbelsäule minimieren, die Bandscheiben so weit wie möglich schonen und Rückenschmerzen vorbeugen – so die Theorie. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) entlarven Physiotherapeuten der Rehaklinik Bellikon in der Schweiz diese Empfehlung nun als Mythos.

„Bisher werden Rückenschmerzen hauptsächlich auf eine übermäßige Druckbelastung der Bandscheiben zurückgeführt“, so die Autoren des Beitrags. Dies sei jedoch vermutlich auf eine Fehlinterpretation zurückzuführen: Die in Therapeutenkreisen bekannte Rückenbelastungstabelle, die der Orthopäde Alf Nachemson im Jahr 1966 publiziert hat, setzt den Druck auf die Bandscheiben in verschiedenen Körperhaltungen zueinander ins Verhältnis. Verglichen mit der Druckbelastung im Stand sind die Bandscheiben demnach in der Rückenlage nur zu einem Viertel belastet. Im Sitzen oder im vorgebeugten Stand ist der Druck laut Nachemson dagegen deutlich höher als im aufrechten Stand.

Daher empfehlen auch heute noch viele Therapeuten und Mediziner, längeres Sitzen zu vermeiden, möglichst oft eine stehende oder liegende Position einzunehmen, sowie Lasten mit möglichst vertikalem Rücken aus der tiefen Hocke heraus zu heben. Die Kraft für den Hebevorgang sollte dabei hauptsächlich aus den Beinen kommen. „Diese Hebetechnik ist alles andere als ökonomisch“, konstatieren Adrian Mieth, Nicole Saghy Steger und Maurizio Trippolini, die sich an der Rehaklinik Bellikon auf arbeitsorientierte Rehabilitation spezialisiert haben. Mehrere Studien hätten inzwischen gezeigt, dass Probanden bei der tiefen Hocke schnell ermüden und nur langsam arbeiten können. Zudem lassen sich bei dieser Hebevariante geringere Lasten bewegen als beim Heben aus der halben Hocke.

Und die Bandscheiben? Auch die danken es dem Hebenden nicht unbedingt, wenn er sich für die kraftraubende tiefe Hocke entscheidet. „Neuere Studien haben für die drei Hebetechniken nur geringe Unterschiede in der Druckbelastung festgestellt“, so die Schweizer Therapeuten. Entscheidend für die Rückengesundheit sei aber vermutlich ohnehin nicht der Druck, sondern die lange Zeit vernachlässigten Zug- und Scherkräfte, die auf die Wirbelsäule wirken. Für diese Kräfte sei die Bandscheibe nicht ausgelegt. Die drei Therapeuten verweisen in diesem Zusammenhang auf eine im Jahr 1999 veröffentlichte Studie, nach der die Zug- und Scherkräfte bei geradem – aber nicht notwendigerweise senkrechtem - Rücken am geringsten sind.

Das Fazit von Adrian Mieth und seinen Kollegen lautet also: Lasten sollten mit geradem Rücken und aus der halben Hocke heraus gehoben werden. Diese im Sportbereich schon seit Jahren als Kreuzheben bekannte Technik verbindet Effizienz und Rückenschonung in optimaler Weise: Die körperliche Erschöpfung tritt ähnlich spät ein wie bei der Bücktechnik, Bandscheiben und Wirbel werden genauso gut geschützt wie bei der tiefen Hocke, und es können – im Gegensatz zur tiefen Hocke – auch größere Lasten angehoben werden, die sich nicht zwischen den Beinen platzieren lassen.

A. Mieth et al.:
Druck ist schädlich – und die Erde eine Scheibe.
physiopraxis 2011; 1: S. 30-33

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