Zurück zur Linken: Wenn die rechte Hand die „falsche“ ist

fzm, Stuttgart, Januar 2015 – Nicht alle, die mit rechts schreiben, sind auch tatsächlich Rechtshänder. In unserer von Rechtshändern geprägten Gesellschaft fällt es linkshändigen Kindern noch immer schwer, sich mit ihrer Veranlagung durchzusetzen. „Zwar wird nicht mehr bewusst umgeschult“, sagt die Stuttgarter Ergotherapeutin Patricia Willikonsky, „aber es gibt immer noch Kinder, die unbewusst zur rechten Hand gedrängt werden.“ Das kann zu Sprach- oder Konzentrationsproblemen führen, die bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen bleiben. Eine Rückschulung kann hier oft helfen. In der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) stellt Patricia Willikonsky ihr Konzept vor.

Im Stuttgarter FON-Institut, dessen Mitinhaberin Patricia Willikonsky ist, stellen sich häufig auch erwachsene Linkshänder vor, die als Kinder noch bewusst und unter Zwang auf die rechte Hand umgeschult wurden. Manche Betroffenen möchten noch nach Jahrzehnten eine Rückschulung versuchen - ein Indiz dafür, wie fest die Neigung zur linken Hand verankert ist. „Die Händigkeit ist genetisch festgelegt“, erläutert Willikonsky. „Wir kommen bereits mit einer dominanten Hirnhälfte zur Welt - und diese bestimmt die Händigkeit.“ Da die dominante Hirnhälfte deutlich dichter vernetzt ist, kann der Mensch nur mit seiner angeborenen Händigkeit seine Potenziale voll ausschöpfen.

Eine Rückschulung ist jedoch nicht immer einfach, und auch nicht immer sinnvoll, weiß Patricia Willikonsky. Die Ergotherapeutin hat daher ein 5-Phasen Modell entwickelt, das ihr ein strukturelles und patientenorientiertes Vorgehen erlaubt. In der ersten Phase etwa ist es wichtig, die angeborene Händigkeit eindeutig festzustellen und abzuklären, ob tatsächlich ein dringlicher Wunsch nach Rückschulung besteht. Dazu zählt es auch, den Klienten über die Risiken aufzuklären. „Eine Rückschulung kann deprimieren oder das Selbstbewusstsein angreifen, wenn Erfolge ausbleiben oder Rückschritte auftreten“, erklärt Willikonsky. Auch Familie oder Lebenspartner sollten die Rückschulung daher unterstützen. Anschließend werden die Vorstellungen und Wünsche des Klienten ermittelt und ein Trainingsplan erstellt.

Erst in Phase drei beginnt die eigentliche Rückschulung - zunächst mit einfachen Übungen, die Basisfähigkeiten trainieren und die dominante Hirnhälfte wieder aktivieren. In der folgenden Stabilisierungsphase wird hauptsächlich das Schreiben mit der „neuen“ Hand trainiert, ein hochkomplexer Prozess. „Dabei reißen oft alte Wunden auf, und belastende Erinnerungen an das erste Schreibenlernen und die damit verbundene Umschulung werden wach“, so Willikonskys Erfahrung. Bei psychisch labilen Klienten sollte die Rückschulung daher in enger Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten stattfinden.

In der letzten Behandlungsphase automatisieren sich Schrift und andere Alltagstätigkeiten, die nun völlig selbstverständlich mit der linken Hand ausgeführt werden können. Zuvor bestehende Konzentrations- oder Sprachschwierigkeiten können in dieser Phase verschwinden, sofern sie auf die Umschulung zurückzuführen waren.
Um derartige Probleme von vorneherein zu vermeiden, sollten Kinder in den ersten Lebensjahren beide Hände intensiv gebrauchen, rät Willikonsky. „Ein Kind braucht zwei geschulte Hände, damit sich eine leistungsstärkere Hand entwickeln kann“, sagt die Therapeutin. Meist zeichnet die Händigkeit sich bereits im dritten Lebensjahr ab. Spätestens mit dem fünften Geburtstag sollte das Kind sich fest für eine Hand entschieden haben - im Idealfall völlig selbstständig.

Patricia Willikonsky
Ab jetzt mit links
ergopraxis 2015; 8 (1): S. 26-29