Schwangerschaft: Schilddrüsenunterfunktion der Mutter kann IQ des Kindes senken

fzm, Stuttgart, November 2014 – In Deutschland sind jedes Jahr bis zu 3.500 Kinder in ihrer kognitiven Entwicklung gefährdet, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft an einer Unterfunktion der Schilddrüse leiden, erklärt ein Expertenteam in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014). Frauen sollten daher ihre Schilddrüsenfunktion zu Beginn der Schwangerschaft testen lassen.

Frauen haben während der Schwangerschaft einen um bis zu 50 Prozent gesteigerten Bedarf an Schilddrüsenhormonen. Eine gesunde Schilddrüse kann ihn decken, sofern genügend Jod zur Verfügung steht, das ein Bestandteil des Hormons ist. Experten empfehlen Schwangeren und stillenden Müttern daher, täglich eine Jod-Tablette einzunehmen. Eine im letzten Jahr in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Studie aus Großbritannien unterstreicht die Gefahren einer Unterversorgung: Kinder von Müttern mit einem Jodmangel in der Schwangerschaft hatten im Alter von acht Jahren einen niedrigeren IQ. Bei Tests fielen sie durch eine niedrigere Lesegenauigkeit auf.

Auch in Deutschland ist eine Unterfunktion der Schilddrüse nicht selten. Screening-Studien haben laut Professor Führer gezeigt, dass rund ein halbes Prozent der Schwangeren zu wenig Schilddrüsenhormone im Blut haben. Dadurch sind etwa 3.500 Kinder jedes Jahr durch eine mütterliche Schilddrüsenfunktionsstörung gefährdet, schreibt die Expertin. Noch höher ist der Anteil der Schwangeren mit einer latenten Unterfunktion. Bei dieser Störung liegen die Hormonwerte der Schwangeren noch im Normalbereich. Der Körper hat jedoch einen drohenden Mangel registriert und steigert als Reaktion darauf die Produktion des Steuerhormons TSH. TSH veranlasst in der Schilddrüse die Hormonproduktion.

Jodmangel ist laut Professor Führer nicht der einzige Grund für eine Unterfunktion. Zwischen fünf und zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter haben TPO-Antikörper im Blut. Mit ihnen greift das Immunsystem das Enzym Thyreoperoxidase (TPO) an. Das Enzym steuert unter anderem die Hormonproduktion in der Schilddrüse. Die Expertin befürchtet, dass bereits die latente Unterfunktion das Gehirn schädigt und die Entwicklung im Kindesalter behindert.

Professor Führer fordert in der DMW zusammen mit sechs weiteren Experten aus Berlin, Leipzig, München, Düsseldorf und Bielefeld, dass alle Frauen bei Feststellung der Schwangerschaft einen Bluttest zur Schilddrüsenfunktion durchführen lassen. Das Screening sollte mindestens die Bestimmung des TSH-Wertes beinhalten, idealerweise auch die Bestimmung der TPO-Antikörper.

Einigkeit besteht auch international darüber, dass eine massive Unterfunktion der Schilddrüse in der Schwangerschaft behandelt werden soll. Dies ist durch die vorübergehende Einnahme der Hormone in Tablettenform möglich. Umstritten ist jedoch die Frage, ob auch eine latente Unterfunktion behandelt werden sollte. Die internationale Endocrine Society hat sich in einer Leitlinie dafür ausgesprochen, alle Frauen mit latenter Unterfunktion in der Schwangerschaft zu behandeln. Die American Thyroid Association rät beim Nachweis von TPO-Antikörpern dazu.

Die deutschen Experten erklären in der DMW, dass eine absolute Therapieempfehlung derzeit nicht abgegeben werden könne. Sie raten aber dazu, die Ursachen der latenten Unterfunktion abzuklären und im Einzelfall zu entscheiden. Für eine Behandlung spricht beispielsweise eine frühere Fehlgeburt, die eine mögliche Folge einer Unterfunktion der Schilddrüse sein könnte.


D. Führer et al.:
Schilddrüsenfunktionsstörungen in der Schwangerschaft
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (42); S.2148-2152