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    Vor allem ältere Menschen erhalten Schlaf- und Beruhigungsmittel zu lange oder zu hoch dosiert auf Rezept. © Fotolia/ Andreas F.

     

Riskante Langzeitverordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln betreffen vor allem Senioren

fzm, Stuttgart, Mai 2018 – Schlaf- und Beruhigungsmittel werden in Deutschland nicht immer so zurückhaltend verschrieben, wie es die Leitlinien vorsehen: Vor allem ältere Patienten bekommen sogenannte Benzodiazepine und Z-Substanzen oft zu lange und in zu hoher Dosierung verordnet. „Auf Basis solcher Langzeitverordnungen kann sich eine Abhängigkeit von diesen Medikamenten entwickeln“, warnt der Hamburger Psychologe und Suchtforscher Privatdozent Dr. Uwe Verthein. Er hat untersucht, wie häufig problematische Verschreibungsmuster vorkommen und wie sich die Verordnung der Mittel anschließend weiterentwickelt. Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Suchttherapie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018) erschienen.

Die meisten Fälle einer Medikamentenabhängigkeit gehen auf eine über- und regelmäßige Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zurück. Oft beginnt die Abhängigkeit mit einer ärztlich verordneten Einnahme, die über den in den Leitlinien vorgegebenen Zeitrahmen von maximal 4 bis 8 Wochen hinaus fortgesetzt wird. Dr. Uwe Verthein hat daher gemeinsam mit drei Kollegen des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS) die Verschreibungspraxis unter die Lupe genommen und entsprechende Daten des Norddeutschen Apotheken-Rechenzentrums ausgewertet. Dort werden die Abrechnungen für gesetzlich Versicherte aus Niedersachen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen erfasst.

In den Jahren 2006 bis 2008 haben in den genannten Bundesländern insgesamt 1,2 Millionen Patienten Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Das entspricht rund 13 Prozent der dort gesetzlich Versicherten. Der Anteil der Frauen lag mit gut 64 Prozent über dem der Männer. Je nach Dosis und Dauer der Einnahme teilten die Forscher die Patienten in Risikoklassen ein. Dabei fielen im jeweils ersten Beobachtungsjahr drei Viertel in die unbedenkliche „grüne“ Kategorie: Die Patienten hatten die Mittel leitliniengerecht beziehungsweise nicht länger als zwei Monate erhalten. „Gut 16 Prozent der Patienten wiesen jedoch problematische oder sogar riskante Verschreibungsmuster auf und wurden in die Kategorien „rot“ beziehungsweise „schwarz“ eingestuft“, so Verthein. Ihnen wurden die Mittel entweder länger als sechs Monate und/oder in deutlich erhöhter Dosierung verschrieben.

Dass solche Verschreibungsmuster zu Problemen führen können, zeigte sich im weiteren Verlauf der Auswertung: In den zwei auf die erste Verordnung folgenden Jahren verblieb jeweils ein großer Teil der als „rot“ (36,2 Prozent) und „schwarz“ (41,2 Prozent) klassifizierten Patienten noch im dritten Jahr in ihrer riskanten Gruppe. „Das deutet auf die Entwicklung einer Niedrig- oder sogar Hochdosisabhängigkeit hin“, so Verthein weiter. Dagegen kamen 85 Prozent der leitliniengerecht behandelten Patienten in den beiden Folgejahren ganz ohne die Substanzen aus.

Zudem fiel auf, dass der Anteil leitlinienkonformer Verschreibungen mit zunehmendem Alter der Patienten abnahm. „Liegt dieser bei den unter 30-Jährigen noch bei rund 92 Prozent, so sinkt er bei den älteren Patientengruppen kontinuierlich auf bis zu etwa 54 Prozent. In der Altersgruppe ab 75 Jahre macht der Anteil an Patienten mit problematischen beziehungsweise riskanten Verschreibungen fast ein Drittel aus (32 Prozent), bei den Patienten unter 30 sind es hingegen nur etwa vier Prozent.“

Die dauerhafte Einnahme werde oft nicht als Problem wahrgenommen, erklärt Verthein. „Viele der Betroffenen empfinden sich nicht als süchtig.“ Das gelte vor allem für Patienten, die längere Zeit niedrige Wirkstoffdosen erhielten. Es sei daher nicht verwunderlich, aber dennoch alarmierend, dass nicht einmal jeder hundertste Betroffene Angebote einer Suchthilfestelle in Anspruch nehme. „Vermutlich spielen hier zudem hohe Zugangsschwellen und nicht passende Angebote eine Rolle“, sagt Verthein.

Die in der Studie untersuchten Benzodiazepine und Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon) werden hauptsächlich gegen Ein- und Durchschlafstörungen verschrieben. Die Z-Substanzen gehen dabei mit geringeren Nebenwirkungen einher als Benzodiazepine, können aber – ebenso wie diese – abhängig machen. Zum einen kommt es bei plötzlichem Absetzen oft verstärkt zu Schlafstörungen, zum anderen können Entzugserscheinungen wie Ängste, Wahrnehmungsstörungen oder Delirien auftreten.

U. Verthein et al.:
Langzeitverordnungen von Benzodiazepinen und Z-Substanzen – deskriptive Analysen über einen 3-jährigen Zeitraum
Suchttherapie 2018; 19 (2); S. 99–106

 

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