Note mangelhaft für Schulmöbel: Kinder sitzen viel, aber meist nicht gut

fzm, Stuttgart, Februar 2016 – Kinder sitzen heute oft genauso viel wie Büroangestellte. Arbeitgeber achten darauf, dass Mitarbeiter keine gesundheitlichen Schäden davon tragen, weshalb ein guter Bürostuhl oft zur Grundausstattung gehört. In deutschen Klassenzimmern sind jedoch bis heute starre Holzstühle mit nach hinten geneigter Sitzfläche und Tische, die nicht höhenverstellbar sind, Standard. „Auf diesen Möbeln verbringen die Kinder oft viele Stunden am Tag“, sagt die Physiotherapeutin Cornelia Götz, die sich in der Zeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) mit dem Thema befasst. Das starre Sitzen beeinträchtigt nicht nur die Haltung der Kinder, es kann sich auch negativ auf ihre Konzentration und Aufmerksamkeit auswirken.

„Fernsehen und neue Medien tragen dazu bei, dass Kinder bereits im Grundschulalter durchschnittlich zehn Stunden am Tag im Sitzen verbringen“, berichtet Cornelia Götz. Untersuchungen hätten außerdem ergeben, dass nur 17 Prozent der Schüler an Stuhl-Tisch-Kombinationen sitzen, die zu ihrer Körpergröße passen. Entsprechend schlecht ist es um die Haltung der Kinder bestellt. Götz verweist auf Studien, nach denen mehr als die Hälfte der Schüler Haltungsschwächen wie nach vorne hängende Schultern, ein starkes Hohlkreuz oder einen Rundrücken aufweisen. Auch bei Übungen zu Gleichgewicht und Koordination schneiden die Kinder besorgniserregend schlecht ab.

Bereits seit Jahren wird beklagt, dass Kinder sich in ihrer Freizeit zu wenig bewegen. Aber auch in der Schule, wo Stillsitzen unvermeidlich ist, könnten Haltungsschäden mithilfe von ergonomischem Mobiliar entgegengewirkt werden. „Die EU hat bereits Normen für Schulmöbel festgelegt“, sagt Cornelia Götz. Diese regelten jedoch nur, dass die Möbel an die Körpergröße des Kindes angepasst sein müssen und das aufrechte Sitzen fördern sollen.

Nach Ansicht von Experten reicht das nicht aus. Vielmehr müsse das Mobiliar natürliche Bewegungsimpulse und Haltungswechsel fördern und so ein aktiv-dynamisches Sitzen erlauben. Götz verdeutlicht das am Beispiel der Schreibhaltung: Beugt sich das Kind zum Schreiben nach vorne, so muss es auf einem starren Stuhl den Winkel zwischen Oberschenkel und Rumpf verringern − es wird in eine Rundrückenhaltung gezwungen. Ein moderner Stuhl dagegen macht die Kippbewegung des Beckens mit und erlaubt es der Wirbelsäule, ihre natürlichen Krümmungen beizubehalten.

Auch der „Arbeitsplatz“ im heimischen Kinderzimmer sollte die natürlichen Bewegungsimpulse der Kinder nicht bremsen. Allerdings sind ergonomische Stühle mit beweglicher Sitzfläche rund doppelt so teuer wie ihre starren Gegenstücke. Für einen guten Schulschreibtisch und -stuhl müsse man mit Kosten von rund 800 Euro rechnen, sagt Cornelia Götz. Wenn die Kinder dann trotz dieser hochwertigen Anschaffung lieber auf dem Fußboden in der Hocke oder auf dem Bauch liegend arbeiten, raten Experten dazu, ihnen auch diese Freiheit zu lassen. Denn auf diese Weise verschafft der Körper sich selbst die nötige Bewegung und Abwechslung.

C. Götz:
Bewegte Schulstunden
ergopraxis 2016; 9 (1); S. 42–44