Ethische Extremsituation: Wenn Schwangere an Krebs erkranken

Stuttgart, Februar 2009 – In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 500 Schwangere an Krebs. Für die Patientinnen und auch für die behandelnden Ärzte ist dies auch aus ethischen Gründen eine extrem schwierige Situation, wie Experten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) darlegen. Denn viele Krebstherapien, die das Leben der Mutter retten können, sind für das Ungeborene gefährlich.

Krebserkrankungen während der Schwangerschaft werden häufiger, weil immer mehr Frauen im höheren Alter Kinder bekommen, erläutert Dr. med. Henning Popp, wissenschaftlicher Assistent am Klinikum Großhadern in München: Jede fünfte Schwangere ist heute über 35 und damit in einem Alter, in dem die Wahrscheinlichkeit für Krebserkrankungen an Brust, Eierstock, Gebärmutterhals, Schilddrüse oder Darm steigt. Auch ein schwarzer Hautkrebs, Lymphdrüsenkrebs und - allerdings sehr selten – Blutkrebs sind möglich.

Schon bei der Diagnose müssen Ärzte Rücksicht auf das Ungeborene nehmen, erklären Dr. Popp und Kollegen: Eine Computertomografie verbiete sich wegen der hohen Strahlendosis. Die Kernspintomografie kommt zwar ohne Röntgenstrahlung aus. Bestimmte Kontrastmittel – sie verbessern normalerweise die Darstellung von Krebsgeschwulsten – dürfen allerdings bei Schwangeren nicht angewendet werden, da sie über den Mutterkuchen, der Plazenta, in den Blutkreislauf des Ungeborenen übertreten. Dr. Popp: Der Arzt muss stets prüfen, ob der Vorteil die Risiken überwiegt.

Brustkrebs wird laut Dr. Popp häufig erst spät erkannt, da Knoten in der Brust für eine normale Schwangerschaftsveränderung gehalten werden können. Dr. Popp: Jeder auffällige Tastbefund muss nach zwei bis vier Wochen durch Entnahme einer Gewebeprobe überprüft werden. Im Auge behalten müssen Ärzte auch Veränderungen an den Eierstöcken, die in der Frühphase der Schwangerschaft nicht ungewöhnlich sind, hinter denen sich aber eine Krebserkrankung verbergen kann. Dr. Popp rät zu regelmäßigen Ultraschallkontrollen. Dies gelte auch für Knoten in der Schilddrüse, die vor allem bei Zweit- oder weiteren Schwangerschaften auftreten.

Nicht immer sind Unterleibsbeschwerden Folge einer Schwangerschaft. Dr. Popp: Stuhluntersuchungen oder Darmspiegelungen können hier zur rechtzeitigen Entdeckung einer Krebserkrankung beitragen. Beim Hautkrebs kommt es dagegen leicht zu einem falschen Verdacht, da sich Pigmentflecken während der Schwangerschaft oft verdunkeln und vermehrt auftreten. Dennoch sollte man jedes verdächtige Muttermal einem Hautarzt zeigen, raten die Autoren.

Bestätigt sich der Krebsverdacht, sollten sich Schwangere unbedingt in einem Krebszentrum behandeln lassen, fordert Dr. Popp. Denn viele Krebstherapien gefährden Gesundheit und Leben des Ungeborenen. Eine Bestrahlung des Tumors sei, so die Experten, während einer Schwangerschaft in der Regel nicht möglich. Bei einer Chemotherapie müsse genau geprüft werden, ob die das Zellwachstum hemmende Zytostatika über den Mutterkuchen ins Blut des Ungeborenen gelangen. Je nach Dauer der Schwangerschaft kommt es dann häufig zu Fehlgeburten oder zu Fehlbildungen. Bei anderen modernen Krebsmedikamenten sind die Ärzte vorsichtig, weil sie die Wirkung auf das Ungeborene noch nicht kennen. Auch Krebsoperationen stellen für das Kind ein gewisses Risiko dar, so Dr. Popp. Zu berücksichtigen sei ferner, dass einige Krebserkrankungen die Plazenta schädigen. Beim Hautkrebs sei in Einzelfällen sogar ein Übergreifen des Krebsleidens auf das Ungeborene beobachtet worden. Einige Babys müssen deshalb nach der Geburt zur Krebsfrüherkennung.

Wenn möglich verschieben die Ärzte die Krebstherapie auf die Zeit nach der Geburt. Auch eine frühzeitige Entbindung per Kaiserschnitt wird erwogen. Ist dies nicht möglich und hängt das Leben der Mutter von der sofortigen Therapie ab, sei unter Umständen ein Abbruch der Schwangerschaft erforderlich. Die Entscheidungen sind medizinisch schwierig und für die Schwangere sehr belastend, sagt Dr. Popp. Auch aus diesem Grund sollten die Frauen unbedingt in einem Zentrum behandelt werden. Hier stünden häufig auch Psychologen zur Verfügung, um den krebskranken Schwangeren in einer extrem schwierigen Situation zur Seite zu stehen.

H. Popp et al.:
Hämatologische Neoplasien und solide Tumoren in der Schwangerschaft. Teil 1: Diagnostik und grundsätzliche Therapieoptionen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (7): S. 311-315

H. Popp et al.:
Hämatologische Neoplasien und solide Tumoren in der Schwangerschaft. Teil 2: Spezielle Therapie.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (8): S. 361-364

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