Schwangerenvorsorge: Nicht alle Untersuchungen machen Sinn

fzm, Stuttgart, September 2015 – Seit der Einführung der Schwangerenvorsorge im Jahr 1966 nimmt die Anzahl an Untersuchungen stetig zu. „Viele davon sind jedoch weder evidenzbasiert noch hilfreich. Sie verunsichern statt zu beruhigen und liefern zweifelhafte Ergebnisse“, urteilt Dr. Katharina Lüdemann in der Fachzeitschrift „Die Hebamme“ (Hippokrates Verlag, Stuttgart. 2015). Auf der anderen Seite bleiben Probleme, wie Frühgeburtlichkeit, für die Gynäkologin bis heute ungelöst.

Die Liste der Untersuchungen, die Frauenärzte in der Schwangerenvorsorge anbieten und zunehmend auch von den werdenden Müttern eingefordert werden, ist lang. Machen sie aber auch immer Sinn? Dr. Lüdemann, Chefärztin an der Frauenklinik des St. Josef-Stifts in Delmenhorst sieht einige davon weniger als medizinisch sinnvoll an, dafür jedoch als finanziell lukrativ. So liefert die mittlerweile gängige Blutuntersuchung in Bezug auf Toxoplasmose-Antikörper für viele Schwangere ein negatives Ergebnis. Dabei kann jedoch niemand ausschließen, ob eine frische Infektion vorliegt, die das Kind schädigen könnte. „Im Prinzip müsste der Test die gesamte Schwangerschaft alle vier Wochen wiederholt werden“, erläutert Dr. Lüdemann. Die Verunsicherung wächst. Dabei ist die Vorsorge einfach: Schwangere sollten im Umgang mit Katzen auf Hygiene achten und nur durchgegartes Fleisch essen!

Auch das Ersttrimester-Screening würde die Frauenärztin nur Frauen empfehlen, die eine Entscheidungshilfe für oder gegen eine Fruchtwasseruntersuchung möchten. Die durch die Nackenfaltenmessung und eine Blutuntersuchung berechnete Wahrscheinlichkeit, ein gesundes beziehungsweise krankes Kind zu bekommen, ängstigt viele Frauen mehr, als dass es sie beruhigt. Andere Tests, wie der auf Schwangerschaftsdiabetes, machen nur Sinn, wenn bei grenzwertigem oder positivem Ergebnis auch weitere Untersuchungen folgen. Das ist in der Praxis jedoch nicht immer der Fall, wie die Gynäkologin schreibt.

Positiv hingegen bewertet Lüdemann den Test auf b-Streptokokken in den letzten Schwangerschaftswochen. Ist die Mutter infiziert, kann sie während der Geburt mit Antibiotika behandelt werden. Das Risiko einer gefährlichen Infektion für das Kind sinkt dadurch deutlich. Diese Untersuchung ist in Deutschland bislang jedoch keine Kassenleistung.

Laut Lüdemann wurde das ursprüngliche Ziel der Schwangerenvorsorge bereits in den 1970er Jahren erreicht. Durch die Einführung der Blutdruckmessung, der Gewichtskontrolle und Eiweißteststreifen ist das Risiko für eine sogenannte Schwangerschaftsvergiftung, (Prä)eklampsie, deutlich gesunken. Die Anzahl der Frühgeburten nimmt derweil weiter zu, unter anderem auch, weil Frauen aus einkommensschwachen Verhältnissen die Vorsorge weniger in Anspruch nehmen und Präventionskampagnen wie solche zum Rauchverzicht die Zielgruppe häufig nicht erreichen. Hier sieht die Expertin Nachholbedarf. Zudem beklagt sie, dass die heutige Vorsorge das Pathologische in den Vordergrund rückt und nicht das Gesunde und Normale betont, und das nicht zuletzt, weil Frauenärzte von Risikoschwangerschaften finanziell profitieren, weil mehr Untersuchungen abgerechnet werden können.

K. Lüdemann:
Sinn und Unsinn von Untersuchungen in der Schwangerenvorsorge
Die Hebamme 2015; 28 (2); S. 84–89