Selbstbild angehender Ärzte – zwischen Ohnmacht und Selbstüberschätzung

Stuttgart, Februar 2010 – Zuverlässig, kompetent, sympathisch, vertrauenswürdig – Medizinstudenten sind sich einig: Der ideale Arzt sollte alles Positive in sich vereinen. Er sollte gut zuhören können, akkurat arbeiten, fachlich versiert sein und verbindlich auftreten. Doch nach Einschätzung angehender Mediziner sind die "Götter in Weiß" von diesem Idealbild weit entfernt, wie eine Studie in der Fachzeitschrift "Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie" belegt (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Die von Medizinstudenten in der Realität erlebten Ärzte sind weniger freundlich, sympathisch und einfühlsam als gewünscht. Das von der Öffentlichkeit häufig entworfene Negativbild von Ärzten ist nach Ansicht von Studenten keine Fiktion, sondern traurige Wirklichkeit.

Ein Forscherteam um Dr. med. Markus Schrauth und Professor Dr. med. Stephan Zipfel vom Universitätsklinikum Tübingen und Dr. med. Christoph Nikendei vom Universitätsklinikum Heidelberg befragte 696 Medizinstudenten nach ihrem Selbst- und Arzt-Bild. Dabei zeigte sich: Seit einem Vierteljahrhundert ist das ideale Bild des Arztes überraschend konstant. Verglichen mit dem Jahr 1981 hat sich das Wunschbild des Arztes kaum verändert. Allerdings erwarten angehende Ärzte von ihren Professionsvertretern, dass sich wünschenswerte positive Eigenschaften wie Feinfühligkeit und Sympathie noch deutlicher zeigen als früher. Zugleich soll der Arzt der Jetztzeit ihres Erachtens fortschrittlicher eingestellt sein.

Angehende Mediziner stellten und stellen extrem hohe Erwartungen an sich selbst und ihre Zunft – Erwartungen, denen sie nicht auf ganzer Linie gerecht werden können. Mediziner "verausgaben" sich häufig bis zur Erschöpfung, um dem Bild des perfekten Arztes zu entsprechen. Die Folge: Chronische Unzufriedenheit und Gefühle des Ausgebrannt-Seins. Insbesondere Ärztinnen erwarten häufig von sich selbst mehr als sie zu leisten imstande sind. Sie idealisieren den Arztberuf besonders stark.

Wie die Studie beweist, liegt das Selbstbild der Medizinstudenten zwischen dem Arztideal und dem Bild der real erlebten Ärzte. Angehende Mediziner sind sich im Klaren darüber, dass sie keine idealen Ärzte sind. Zugleich stellen sie sich ein besseres "Zeugnis" aus als jenen Ärzten, die sie im Zuge ihrer Ausbildung kennenlernten. Sie halten sich beispielsweise für vertrauenswürdiger und gründlicher als ihre "Ausbilder". Gleichzeitig nehmen sie sich selbst jedoch als unsicherer und machtloser wahr.

Obwohl sich die befragten Medizinstudenten noch in der Ausbildung befinden, halten sie sich bereits für genauso kompetent wie die Gruppe der beruflich gestandenen Ärzte mit Approbation. Sie schreiben sich "ebenbürtige Fähigkeiten" zu, was nach Ansicht von Professor Zipfel auf eine "nicht zu vernachlässigende Selbstüberschätzung" hindeutet.

Dieses Phänomen ist nicht neu. So belegt etwa eine Studie aus dem Jahr 2006, dass 16 Prozent der Medizinstudenten ihre Kompetenz unrealistisch hoch veranschlagen. Besonders anfällig hierfür sind männliche Studenten: Sie neigen besonders stark dazu, ihr fachliches Knowhow zu überschätzen. Aus Sicht von Zipfel ist das eine Gefahr, schließlich sei die Sicherheit des Patienten nur dann gewährleistet, wenn der Arzt seine Grenzen kenne und wisse, wann er Kollegen um Rat und Mithilfe bitten müsse. Das Selbstbild von Ärzten in spe schwankt zwischen Ohnmacht und Selbstüberschätzung – und ist noch nicht gefestigt.

Markus Schrauth et al.:
Selbstbild, Arztbild und Arztideal: Ein Vergleich Medizinstudierender 1981 und 2006.
PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie, 2009; 59 (12):
S. 446-453

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