Mit Helm, aber ohne Alkohol: Sicherer mit dem Rad unterwegs

fzm, Stuttgart, Juni 2015 – Radfahrer leben gefährlich. Vor allem ältere Menschen verunglücken häufig schwer. Unfallforscher sehen die Ursache häufig bei den Radfahrern und geben in der „Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) Tipps zur Vermeidung von Radunfällen.

Im Jahr 2011 gab es 66.535 leicht verletzte, 15.127 schwer verletzte und 408 tödlich verunglückte Fahrradfahrer auf deutschen Straßen. Die Zahl der verunglückten Radfahrer nimmt seit Jahren zu. Ein Expertenteam, das sich auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie zu einem Workshop in Dresden getroffen hat, befürchtet durch die steigende Anzahl von E-Bikes im Straßenverkehr eine weitere Zunahme. Anders als in der Öffentlichkeit wahrgenommen, sind nicht in erster Linie Kinder betroffen - im Jahr 2010 kamen „nur“ 20 Kinder bei Radunfällen ums Leben. „Jeder zweite tödlich verunglückte Radfahrer war dagegen 65 Jahre oder älter“, berichtet Professor Dr. med. Hans Zwipp, Ärztlicher Direktor der Unfallklinik am Universitätsklinikum Dresden.

Die Unfallexperten sehen häufig eine Mitverantwortung der Senioren. Das Mitführen einer Tasche am Lenker, das Hängenbleiben an einer Bordsteinkante, aber auch ein nicht eingeschaltetes Hörgerät waren häufige Begleitumstände des Unfalls. Senioren, die häufiger rote Ampeln überfahren, verunglücken ebenfalls häufiger. „Die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung kann auch bei älteren Radfahrern schweren Unfällen vorbeugen“, mahnt Professor Zwipp. Eine sehr einfache und wenig kostenintensive Maßnahme sei die Anschaffung von Fahrradtaschen. Das Einschalten des Hörgeräts sollte ebenfalls nicht vergessen werden. Radfahren sollte nur, wer neben ausreichend Kraft auch über die notwendige Koordination verfügt, so der Experte. Nach den Statistiken verunglücken Senioren, die Schwierigkeiten beim Auf- und Absteigen haben, häufiger als andere. Da E-Bikes für ältere Menschen mit Schwierigkeiten in der Koordination attraktiv sein könnten, befürchten Verkehrsexperten, dass es hier in Zukunft zu einer Zunahme kommen könnte.

Ein weiterer vermeidbarer Risikofaktor ist Alkohol. Während bei Autofahrern der Anteil Alkoholisierter an Unfällen in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, hat sich laut Professor Zwipp bei Radfahrern nichts verändert. Mehr als die Hälfte der alkoholisierten Radler hatte bei der Untersuchung nach dem Unfall mehr als 1,7 Promille Alkohol im Blut, bei einem Viertel wurden sogar 2,0 bis 2,5 Promille gemessen. Ab einem Wert von 1,6 Promille liegt auch bei Radfahrern eine absolute Fahruntüchtigkeit und damit eine Straftat vor. „Unter Alkoholeinfluss sollte sich, egal ob jung oder alt, niemand auf ein Fahrrad setzen“, erklärt Professor Zwipp.

Viele tödliche Verletzungen ließen sich durch das Tragen eines Fahrradhelms vermeiden. Ohne Radhelmnutzung gibt es dreimal mehr Schädelfrakturen, fünfmal mehr schwere Hirnverletzungen und mehr als doppelt so viele Schädelbasisfrakturen. Auch hier sind Senioren besonders gefährdet. Ab dem 50. Lebensjahr steige der Anteil der Unfälle mit schweren Hirnverletzungen deutlich an, so Professor Zwipp. Leider verzichten noch immer die meisten Erwachsenen in Deutschland auf das Tragen eines Fahrradhelms. Während der Anteil bei Kindern bereits bei 53 Prozent liegt, sind es bei Erwachsenen nur drei Prozent.

Mit der von Unfallforschern seit Jahren geforderten Helmpflicht für Fahrradfahrer ist nach Einschätzung des Experten in absehbarer Zeit jedoch nicht zu rechnen. Begrüßenswert wären deshalb Werbekampagnen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, etwa nach dem Motto „Helm tragen ist cool“. Zu fordern wären auch breit angelegte Medienkampagnen wie früher für Pkw-Fahrer „Der 7. Sinn“ oder „Verkehrskompass“, um die Radfahrer vor vermeidbaren Risiken zu warnen.

H. Zwipp et al.:
Prävention von Fahrradfahrerunfällen
Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie 2015; 153 (2); S.177–186