Sind Migranten häufiger psychisch krank als Einheimische?

fzm – Deutschland wird immer „globaler“: Nach Angaben des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts leben hierzulande rund 16 Millionen Menschen mit „Migrationshintergrund“. Wie eine in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart.2010) veröffentlichte Studie des Psychologen Issac Bermejo vom Universitätsklinikum Freiburg belegt, leiden „Allochthone“ häufiger an psychischen Erkrankungen als Einheimische. Als allochthon gilt, wer im Ausland geboren wurde, hierzulande lebt und keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Allochthone weisen im Vergleich zu Deutschen signifikant erhöhte Krankheitshäufigkeiten auf, so Bermejo.

Gemeinsam mit Kollegen analysierte der Wissenschaftler die Daten des Moduls „Psychische Störungen“ aus dem Bundesgesundheitssurvey (BGS) der Jahre 1998 und 1999. Ziel der Forscher war es, den seelischen Gesundheitszustand von Einwanderern und Einheimischen vergleichend einzuschätzen. Der BGS stellt die erste bundesweite epidemiologische Untersuchung zur psychischen Gesundheit der Erwachsenenbevölkerung in Deutschland dar.

Gegenwärtig ist die Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund defizitär. Einer der Gründe: Verglichen mit Einheimischen haben Migranten eine eher zurückhaltende Einstellung gegenüber psychotherapeutischen und psychiatrischen Hilfsangeboten.

Über die gesamte Lebensspanne betrachtet, liegt die Krankheitshäufigkeit von Menschen ohne deutschen Pass bei 50,8 Prozent. Das geht aus der Analyse von Bermejo und seinen Kollegen hervor. Insbesondere affektive und somatoforme Störungen sind unter Zuwanderern weiter verbreitetet als unter Deutschen. Somatoforme Störungen sind durch Müdigkeit, Erschöpfung und körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache gekennzeichnet. Zu den affektiven Störungen zählen beispielsweise Depressionen.

Nach Auffassung von Bermejo und anderen Wissenschaftlern macht nicht die Migration als solche krank, sondern die mit der Migration einhergehenden kumulierenden Benachteiligungen gegenüber vergleichbaren Bevölkerungsgruppen – etwa der Mangel an beruflicher und sozialer Integration oder familiäre Probleme.

Der Vergleich zwischen Migranten und Nicht-Migranten ist allerdings methodisch schwierig. Der Grund: Die beiden Gruppen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht – so sind die in der Untersuchung erfassten Zuwanderer im Schnitt jünger und schlechter ausgebildet. Auch ist ihre Wohnsituation prekärer als die der befragten Deutschen. Kontrolliert man diese sozialen Einflussfaktoren, so nähern sich die Erkrankungsraten beider Gruppen an. Außerdem erlauben die Daten des Surveys keine Aussagen über das Auftreten eher seltener Störungen – wie etwa Magersucht oder Bulimie – bei Migranten. Bermejo plädiert deshalb dafür, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren.

Auch fordert er für die Zukunft vermehrt Studien, in denen die psychische Situation von Migranten detailliert erfasst wird. Nur dann sei es möglich, das psychische Befinden und den Behandlungsbedarf einzelner Zuwanderer-Gruppen genauer zu bestimmen.

Die wenigen bisher vorliegenden Studien zur Gesundheit von Migranten sind uneinheitlich und widersprüchlich: Manche Forscher berichten von einem erhöhten psychischen Erkrankungsrisiko bei Migranten, andere nicht. Weitere Studien sind nötig, um zu einem klareren Bild zu gelangen.

I. Bermejo et al.:
Psychische Störungen bei Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur deutschen Allgemeinbevölkerung.
Psychiatrische Praxis 2010; 37 (5): S. 225-232

 

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