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    Späte Schwangerschaftsabbrüche sind eine enorme Belastung für die betroffenen Eltern. © ngupakarti/stock.adobe.com

     

Späte Schwangerschaftsabbrüche erfordern professionelle Beratungs- und Versorgungsangebote

fzm, Stuttgart, September 2021 – Ab der 21./22. Schwangerschaftswoche kann ein Kind nach Entbindung Lebenszeichen aufweisen. Aus medizinischen Gründen, gemäß §218a Abs. 2 StGB, kann jedoch auch noch zu diesem Zeitpunkt oder danach ein „straffreier Abbruch der Schwangerschaft“ erfolgen. Eine Studie am Leipziger Universitätsklinikum hat retrospektiv die dort zwischen 2016 bis 2019 durchgeführten Spätabbrüche von Einlingsschwangerschaften untersucht. Die Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2021) zeigt, warum der Eingriff durchgeführt wurde und welche Anforderungen an das betreuende Team und die Infrastruktur gestellt werden sollten.

Spätabbrüche werden in Deutschland relativ selten durchgeführt. Laut Angabe des Statistischen Bundesamtes* waren es 2020 hierzulande insgesamt 648. Die Indikation für einen Spätabbruch ist eine physische oder psychische Gefährdung der mütterlichen Gesundheit. Eine psychosoziale Notsituation der Mütter ergibt sich oft infolge einer festgestellten genetischen Erkrankung des Fötus, welche im Rahmen der pränatalen Diagnostik, beispielsweise durch eine Fruchtwasserpunktion (Amniozentese), gesichert wird. Oder aber im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung wird eine schwere Anomalie entdeckt, die dazu führt, dass sich die Frauen außer Stande sehen, die Schwangerschaft fortzusetzen. Nach fetaler Anästhesie, der Betäubung des Fötus, injiziert der Arzt Kaliumchlorid in dessen Herzkammer oder die Nabelschnur, um einen Herzstillstand herbeizuführen. Erst im Anschluss an den Fetozid wird die Geburt eingeleitet. So soll verhindert werden, dass der Fötus mit Lebenszeichen geboren und dann medizinisch versorgt werden müsste.

Am Universitätsklinikum Leipzig wurden in den Jahren 2016 bis 2019 insgesamt 164 Spätabbrüche in den Schwangerschaftswochen 21,5 bis 36,2 durchgeführt. „Prozentual lag der Anteil der durchgeführten Spätabbrüche an der Gesamtgeburtenrate bei 1,6 Prozent“, erklären Dr. med. Anne Dathan-Stumpf und Professor Dr. med. Holger Stepan. Sie haben die Studie geleitet und sind in der Abteilung für Geburtsmedizin tätig. Kein Eingriff wurde dabei aufgrund einer primär physischen Gefährdung der Mutter durchgeführt. Vielmehr resultierte die psychosoziale Notsituation und der Entscheid zum Fetozid aus schweren ZNS-Fehlbildungen (29,3 Prozent), Herzfehlern (11 Prozent) oder chromosomalen Auffälligkeiten (50,6 Prozent) des Kindes.

Flächendeckende Versorgungsangebote fehlen

Es zeige sich, dass die Entscheidung für einen Spätabbruch als mögliche Konsequenz der modernen Pränatalmedizin verstanden und getragen werden müsse, erklären die Autor*innen. Gleichzeitig fehle es jedoch an flächendeckenden Beratungs- und Versorgungsangeboten für die betroffenen Eltern, die in dieser schwierigen Situation auf professionelle Unterstützung angewiesen sind. So kam nur die Hälfte der Frauen, die im Untersuchungszeitraum in Leipzig einen Spätabbruch durchführen ließen, aus Sachsen. Alle weiteren kamen aus fünf anderen Bundesländern. Die Suche nach einer Klinik verzögere häufig den Spätabbruch, was mit einer zusätzlichen psychischen Belastung der Patientinnen verbunden sei, betonen Dathan-Stumpf und Stepan.

Suchen und finden die betroffenen Frauen ein spezialisiertes Perinatalzentrum sind die Eingriffe mit einer niedrigen Komplikationsrate verbunden. Dennoch konnten die Leipziger Mediziner bei 17 der 164 Frauen (10,4 Prozent) einen Blutverlust von mehr als 500 ml beobachten. „Die Hospitalisierungsdauer betrug nach einem hohen Blutverlust über 1000 ml im Mittel 4,8 Tage und war somit signifikant länger als bei einem moderaten Blutverlust von weniger als 500ml mit 2,4 Tagen“, berichten die Mediziner. Zudem mussten sich 14 dieser 17 Patientinnen einer Ausschabung (Kürettage) unterziehen. Einen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Blutverlust und dem Gestationsalter des Kindes konnten die Wissenschaftler*innen nicht feststellen. Auch die Anzahl der Geburten der Frauen (Parität) spielte keine Rolle. Jedoch zeigte sich, dass es mit zunehmender Einleitungsdauer, also dem Zeitraum zwischen dem Tod des Kindes und der Entbindung, zu einem signifikant höheren Blutverlust kam.

Ein Spätabbruch könne nur durch ein interdisziplinäres Team mit entsprechender Expertise und Ressourcen sicher durchgeführt werden. Der Eingriff sei aber nur eine Option bei Feststellung schwerwiegender fetaler Anomalien, stellen die Perinatalmediziner*innen am Ende ihrer Arbeit fest: „Eine Alternative ist das Austragen der Schwangerschaft mit anschließend hochkompetenter, neonataler Palliativversorgung. Das wird am Universitätsklinikum Leipzig mit den Eltern immer auch diskutiert und praktiziert“, betonen sie. In jedem Fall sei der Verlust des Kindes für die Betroffenen eine enorme psychische Belastung, ganz gleich, welche Entscheidung sie treffen.
 

A. Dathan-Stumpf und J. Kern et al.:
Pränatale und geburtshilfliche Parameter von Spätabbrüchen: eine retrospektive Analyse.
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2021; 81 (7); S. 807–818

Dieser Beitrag ist Open Access erschienen und abrufbar unter:
Thieme E-Journals - Geburtshilfe und Frauenheilkunde / Volltext (thieme-connect.com)

*Statistisches Bundesamt Schwangerschaftsabbrüche
(Stand: 24. März 2021)
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Tabellen/03-schwangerschaftsabbr-rechtliche-begruendung-schwangerschaftsdauer_zvab2012.html?nn=210712

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