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    Patientinnen und Patienten begrüßten die stationsäquivalente Behandlung (StäB) insbesondere als Möglichkeit, im gewohnten Umfeld bleiben zu können und nicht in die Klinik zu müssen. © blankstock/stock.adobe.com

     

Stationsäquivalente Behandlung in psychiatrischen Kliniken: Gewünscht, herausfordernd, machbar

fzm, Stuttgart, Juni 2021 – Die stationsäquivalente Behandlung (StäB) ermöglicht es psychiatrischen Kliniken seit 2018, Patientinnen und Patienten auch zu Hause zu behandeln. Obwohl beide Seiten vom Nutzen der Therapie im häuslichen Umfeld überzeugt sind, gibt es bisher nur in wenigen Einrichtungen entsprechende Teams, die diese Aufgabe übernehmen. Eine Umfrage in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2021) widmet sich deshalb der Frage, wo die Schwierigkeiten liegen und ob sich bereits erste Standards ableiten lassen. Demnach kann der Aufbau auf bestehenden Klinikstrukturen die Umsetzung erleichtern. Eine der wesentlichen Herausforderungen stellen hingegen der Organisationsaufwand und der Fachärztemangel dar.

Die Grundlagen für die StäB wurden im „Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen“ (PsychVVG) gelegt. Es ermöglicht den Kliniken, Patientinnen und Patienten über mobile, ärztlich geleitete, multiprofessionelle Teams im privaten Umfeld zu behandeln. Bei Inkrafttreten des Gesetzes 2018 begrüßten viele Einrichtungen die neue Versorgungsmöglichkeit: 38 Prozent der psychiatrischen Kliniken gaben bei einer Umfrage des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen an, die StäB einführen zu wollen. Weitere 40 Prozent waren noch unschlüssig. Um mehr über mögliche Hürden und Lösungsansätze bei der Umsetzung zu erfahren, hat Melanie Gottlob vom Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern acht Kliniken befragt. Alle teilnehmenden Einrichtungen hatten früh mit der StäB begonnen und entsprechend Erfahrung gesammelt.

Die ausgewählten Versorgungseinrichtungen hatten in den ersten zehn Monaten des Jahres 2019 bereits 658 Patientinnen und Patienten stationsäquivalent behandelt. Den Weg zu den Betroffenen legten die Teams meist mit dem Auto, in Großstädten wie Berlin und München aber auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zurück. Die Therapiesitzungen dauerten zwischen 45 und 77 Minuten. Meist besuchten sie die Patientinnen und Patienten zu Hause, aber auch in ihrer Umgebung oder ihrem Wohnumfeld. So konnte beispielsweise eine Busfahrt oder ein Supermarktbesuch mit einem Angstpatienten Teil der Behandlung sein. Einige Kliniken luden die Betroffenen auch für einzelne Angebote wie Sporttherapie oder zur Diagnostik in die Klinik ein. Die StäB war in keiner der Kliniken auf bestimmte Erkrankungen beschränkt.

Die meisten Einrichtungen betreuten etwa zehn Patientinnen und Patienten gleichzeitig. Dies ist nach Ansicht von Gottlob, die als Projektkoordinatorin die Einführung der StäB im ZfP Südwürttemberg begleitet hat, eine Mindestgröße, um organisatorische Reibungsverluste zu reduzieren und die Behandlung effizient zu gestalten. Sowohl die Behandelten als auch die Behandelnden bewerteten die StäB überwiegend positiv. Die Betroffenen begrüßten diese Behandlungsform vor allem als Möglichkeit, im gewohnten Umfeld zu bleiben. Der Kontakt zu den Therapeutinnen und Therapeuten wurde als intensiv beschrieben. Als Nachteil wurde ein häufiger Wechsel der Betreuungspersonen genannt. Auch die Behandlungsteams beurteilten die Arbeit und den engeren Kontakt mit den Betroffenen als positiv, wenn auch manchmal als stressig.

Als Hürden für die Umsetzung nannten die Kliniken unter anderem den Organisations- und Koordinationsaufwand, aber auch rechtliche und finanzielle Unklarheiten. Zu berücksichtigen sei jedoch, dass sich das Angebot noch in Entwicklung befindet. Nach Erfahrung von Gottlob und ihren Co-Autorinnen -und Autoren gibt es bei den Krankenkassen in einigen Bundesländern noch eine kritische bis abwehrende Haltung zur StäB. Den teilnehmenden Kliniken ist es allerdings bis auf eine Einrichtung gelungen, die Vergütungsverhandlungen mit den Kassen abzuschließen. Insgesamt seien weitere Erfahrungen und Erkenntnisse erforderlich, so die Wissenschaftler*innen. Im Rahmen der bundesweiten vom Innovationsfonds des gemeinsamen Bundesausschusses geförderten AKtiV-Studie wird derzeit eine erste umfassende Evaluation durchgeführt.

M. Gottlob et al.:
Stationsäquivalente Behandlung – Wie geht das?
Umsetzungsstrategien aus acht psychiatrischen Fachkliniken und -abteilungen in Deutschland
Psychiatrische Praxis 2021; online erschienen am 20.5.2021

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