• Schmerzmittel © Alexander Raths/ Fotolia.com

    Der Missbrauch von Schmerzmitteln, wie Lyrica®, nimmt zu. © Alexander Raths/ Fotolia.com

     

Ärzte warnen vor steigendem Pregabalin-Missbrauch in München

fzm, Stuttgart, September 2017 – Im Raum München hat der Missbrauch von Pregabalin in den letzten Jahren stark zugenommen. Der Wirkstoff ist in Schmerz- und Epilepsiemedikamenten wie beispielsweise im Präparat Lyrica® enthalten. Wie Mediziner am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) berichten, werden hier immer mehr Drogenkonsumenten wegen Überdosierungen oder zum Entzug des Medikaments behandelt. Auch beim Giftnotruf der bayerischen Metropole sind die Anfragen gestiegen, wie die aktuell publizierte Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017) zeigt.

Das Medikament Lyrica® mit dem Wirkstoff Pregabalin ist seit 2005 auf dem Markt und zur Vorbeugung epileptischer Anfälle sowie zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Pregabalin wirkt dabei im Gehirn analog dem Botenstoff („GABA“), ähnlich wie Benzodiazepine, hochwirksame Beruhigungsmittel mit einem hohen Suchtpotenzial. Im Gegensatz zu dieser Wirkstoffgruppe stuften Pharmakologen das Abhängigkeitsgefahr von Pregabalin zunächst als gering ein. Suchtpatienten entdeckten aber bald, dass die Einnahme größerer Mengen einen „Kick“ erzeugt – vor allem dann, wenn es zusammen mit Alkohol oder Methadon eingenommen wird.

Mediziner Nicolas Zellner, der an der TUM in der Abteilung für klinische Toxikologie und Giftnotruf München tätig ist, hat gemeinsam mit zwei Kollegen die Missbrauchsfälle zwischen 2008 und 2015 untersucht. Eine klinikinterne Datenbankabfrage und die dokumentierten Fälle des Giftnotrufs zeigen einen deutlichen Anstieg des Pregabalin-Missbrauchs: Insgesamt mussten im Untersuchungszeitraum 263 Patienten behandelt werden. Dabei stieg die Anzahl der Fälle pro Jahr. Zwischen 2008 und 2011 waren es null bis fünf Fälle. Für 2015 waren 105 Missbrauchsfälle dokumentiert. Neben Patienten mit Überdosierungen sind darunter auch Menschen, die zum Drogenentzug aufgenommen wurden, berichtet Nicolas Zellner und stellt fest: „Pregabalin ist nach Opiaten, Benzodiazepinen, Cannabis und Alkohol zur fünfthäufigsten missbrauchten Substanz aufgestiegen.“ Diese Entwicklung spiegelt sich auch beim Giftnotruf der bayerischen Landeshauptstadt wider: Gingen 2008 nur drei Anrufe bezüglich Pregabalin ein, waren es 2015 schon 71. Alarmierend sei auch die steigende Zahl von Selbstmordversuchen mit dem Medikament Lyrica® – allein 90 im Jahr 2015, so Zellner.

In den meisten Fällen konsumieren Betroffene das Arzneimittel in Kombination mit anderen Drogen. Bei zwei Dritteln der Patienten, die an der TUM behandelt werden, finden die Toxikologen vier oder mehr Substanzen im Blut. „Patienten, bei denen bereits eine Suchterkrankung besteht, greifen häufig auch zu Pregabalin“, so die Autoren.

Die Symptome des Missbrauchs können Atemnot, Unruhe, Aggressionen, Halluzinationen und epileptische Anfälle sein. Bei der Mehrheit der Patienten war auch das Bewusstsein eingeschränkt, berichtet Zellner. Pregabalin-Vergiftungen verlaufen üblicherweise mittelschwer bis schwer. Wenn der Nachschub fehlt, kommt es zu Entzugssymptomen wie Unruhe, Zittern, Übelkeit, Durchfall, Schlafstörungen und Kopfschmerzen.

Über die Bezugsquellen des Medikaments können die Studienautoren keine genauen Angaben machen. Neben dem Erwerb auf dem Schwarzmarkt könnten die Konsumenten auch versuchen, das Mittel durch Vortäuschen von Schmerzen von ihrem Hausarzt zu erhalten.

München ist nicht die erste Stadt und Deutschland sicher nicht das einzige Land mit einem Lyrica®-Problem. Auch in Schweden ist der Missbrauch gestiegen. Zellner ist aber überzeugt, dass es regionale Unterschiede gibt. München, so sein Eindruck, verzeichnet derzeit besonders hohe Fallzahlen.

N. Zellner, F. Eyer, T. Zellner:
Alarmierender Pregabalin-Missbrauch: Prävalenz im Münchener Raum, Konsummuster und Komplikationen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2017; 142 (19); e140–e147