Mühsamer Kampf gegen das Stigma "psychisch krank"

Stuttgart, Januar 2009 – In Deutschland leiden vier Millionen Menschen an Depression. Viele der jährlich 10 000 Selbstmorde werden von Depressiven begangen. Doch so groß die Zahl der psychisch Kranken, so klein ist deren Bereitschaft, sich öffentlich zu ihrem Leiden zu bekennen. Wer psychisch krank ist, der schweigt – aus Angst, vor sozialer Stigmatisierung. Seit Jahren gibt es deshalb zahlreiche Anti-Stigma-Kampagnen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Vorurteile gegenüber schizophrenen oder depressiven Menschen aus der Welt zu räumen. Doch eine soeben in der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) publizierte Evaluationsstudie lässt Zweifel daran aufkommen, ob es überhaupt möglich ist, das Stigma zu beseitigen, das psychisch Kranken anhaftet.

Nach Ansicht von Professor Anita Holzinger von der Medizinischen Universität Wien, Mitautorin der Studie, gibt es zwar weltweit zahlreiche "Anti-Stigma-Interventionen", doch was diese öffentlichkeitswirksam angelegten Projekte wirklich bringen, ist wissenschaftlich unklar. "Die Ergebnisse", schreibt Holzinger, "lassen einen eher skeptisch sein hinsichtlich der Nachhaltigkeit des erzielten Effektes."

Viele medienwirksame Aufklärungsprojekte werden von Prominenten gefördert und mitgetragen. So unterstützt etwa der Schauspieler Edgar Selge die Initiative "Basta", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, über die Krankheit Schizophrenie zu informieren, und so fungiert der Entertainer Harald Schmidt als Schirmherr der Stiftung für Depressionshilfe.

Neben diesen breit angelegten Kampagnen, gibt es eine Vielzahl von Interventionen, die sich an Schüler, angehende Ärzte, Krankenpfleger oder Polizisten richten. 51 dieser zielgruppenspezifischen Maßnahmen wertete Holzinger zusammen mit Kollegen aus. Je nach Zuschnitt des Programms ging es etwa darum, Wissen zu vermitteln, falsche Vorstellungen über psychische Erkrankungen zu korrigieren oder gesunde Menschen mit psychisch Leidenden in Kontakt zu bringen. Dabei zeigte sich: Zwar gelingt es mittels solcher Anti-Stigma-Programme, das Wissen über einzelne Störungen zu vergrößern. Die Einstellung gegenüber psychisch Kranken lässt sich dadurch jedoch kaum ändern. Aufklärung ist möglich, führt aber nicht zwingend zu mehr Toleranz. Der Wunsch, soziale Distanz gegenüber Schizophrenen zu wahren, bleibt auch nach der Teilnahme an einem Aufklärungsprojekt häufig bestehen. Dieser Befund von Holzinger und Co-Autoren deckt sich mit sogenannten Trendanalysen, aus denen eindeutig hervorgeht: Die Deutschen wissen heute genauer als früher, was eine Depression oder Schizophrenie ist. Doch dieses Wissen verändert weder ihr Verhalten, noch ihre Einstellungen grundsätzlich. "Vieles deutet darauf hin, dass eine einmalige Intervention nicht ausreicht", schreibt Holzinger.

Der Nutzen all der gut gemeinten Aufklärungsprojekte ist fraglich. Nur in 13 der 51 ausgewerteten Anti-Stigma-Programme wurden Langzeiteffekte erfasst. Solche Follow-up-Erhebungen sind aber notwendig, um zu dokumentieren, dass Aufklärungsarbeit nicht nur heute etwas im Denken verändert, sondern auch morgen. "In der Hälfte der Follow-up-Studien finden sich Hinweise darauf, dass der positive Interventionseffekt bereits innerhalb weniger Monate nachließ." Aufklärungsarbeit tut not. Doch ob sie auch wirkt, lässt sich nicht verlässlich sagen.

A. Holzinger et al.:
Evaluation zielgruppenorientierter Interventionen zur Reduzierung des Stigmas psychischer Krankheit.
Psychiatrische Praxis 2008; 35 (8): S. 376-386

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