Wenn das Stillen den Beckenboden strapaziert

Stuttgart, Januar 2009 – Junge Mütter, die ihre Kinder stillen, tun sich, ihrem Körper und ihrem Baby viel Gutes. Darauf hinzuweisen ist Heike Klinger ein Anliegen – auch oder gerade weil die erfahrene Hebamme in einer eigenen Studie Hinweise darauf gesammelt hat, dass es eine Ausnahme für diese Regel gibt. Denn der durch die Schwangerschaft strapazierte Beckenboden der Mutter wird durch das Stillen offenbar zusätzlich belastet. Wie Klinger, die derzeit als Referendarin für das Lehramt Pflegewissenschaft tätig ist, in der Fachzeitschrift "Die Hebamme" (Hippokrates Verlag, Stuttgart. 2008) berichtet, entwickeln stillende Mütter daher eher eine vorübergehende Harninkontinenz als nicht-stillende Mütter.

Im Rahmen ihrer Untersuchung hatte Heike Klinger 72 Frauen, die nach der Entbindung an einem Rückbildungskurs teilnahmen, zu einer möglichen Harninkontinenz befragt. Die Teilnehmerinnen machten zudem Angaben zum Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, zum Stillen, zur Einnahme von Medikamenten, bekannten Bindegewebsschwächen und anderen Faktoren, die die Beckenbodenkraft beeinflussen könnten. Diese Angaben verknüpfte Klinger mit den Ergebnissen eines praktischen Beckenboden-Tests, der eine quantitative Aussage über die Funktion des Beckenbodens erlaubt. Die Fähigkeit der jeweiligen Teilnehmerin, eine Beckenboden-Spannung aufzubauen, wird dabei mit einem Wert zwischen 0 und 13 angegeben.

Wie Klingers Befragung ergab, waren unter den 72 Teilnehmerinnen 50, die ihre Kinder voll stillten, 9 stillten teilweise und 13 gaben ihren Kindern nicht die Brust. Dabei zeigte sich, dass die voll stillenden Mütter gegenüber den nicht-stillenden ein rund doppelt so hohes Risiko hatten, eine Harninkontinenz zu entwickeln. Bei den teilweise stillenden Müttern war das Inkontinenzrisiko im Vergleich zu den nicht-stillenden Müttern immerhin auf das 1,67-Fache erhöht. Auch die Anzahl der täglichen Still-Mahlzeiten scheint eine Rolle zu spielen: Frauen, die ihre Kinder mehr als sieben Mal täglich an die Brust legten, hatten gegenüber nicht-stillenden Müttern sogar ein dreifach erhöhtes Inkontinenzrisiko. Diese Beobachtung spiegelte sich auch in den gemessenen Beckenboden-Werten wider. "Die stärkste Beckenbodenleistung hatten die nicht-stillenden Frauen", berichtet Heike Klinger. Während diese Gruppe im praktischen Beckenboden-Test durchschnittlich 9,83 Punkte erreichte, lagen die teilweise stillenden Frauen mit 9,56 Zählern leicht darunter, die voll stillenden erzielten nur 8,82 Punkte. Auch hier zeigte sich wiederum die besondere Belastung durch sehr häufiges Stillen: Diejenigen Teilnehmerinnen, die öfter als sieben Mal am Tag stillten, hatten einen Beckenboden-Score von nur 8,38 Punkten. Klingers Untersuchung bestätigt damit die Erfahrungsberichte von Hebammen, die immer wieder beobachten, dass die Beckenbodenkraft während der Stillphase herabgesetzt ist. "Über die Ursachen können wir bislang nur spekulieren", sagt Heike Klinger. In der Fachliteratur gibt es kaum Studien zum Thema. Eine Hypothese macht den geringen Östrogenspiegel während der Stillphase für die fehlende Spannung im Beckenboden verantwortlich. Es ist jedoch auch denkbar, dass die rückenrunde Stillhaltung, die viele junge Mütter entgegen den gängigen Empfehlungen zum "aufrechten" Stillen einnehmen, den Beckenboden über Gebühr belastet.

Aufgrund der kleinen Zahl von Teilnehmerinnen betrachtet Heike Klinger ihre Untersuchung selbst eher als Pilotstudie. Endgültige Aussagen zur Beziehung zwischen Stillen und Beckenbodenkraft ließen sich daraus nicht ableiten, betont sie. Vielmehr sollten die Beobachtungen als Anlass dienen, werdende Mütter bereits während der Schwangerschaft auf die Möglichkeiten des Beckenbodentrainings aufmerksam zu machen. "Die Untersuchung hat auch ergeben, dass das Risiko für eine Inkontinenz nach der Entbindung besonders deutlich erhöht ist, wenn bereits vor oder während der Schwangerschaft ein unfreiwilliger Harnverlust aufgetreten ist", erläutert Klinger. Umso wichtiger sei es, der Entstehung oder Verschlechterung einer Harninkontinenz frühzeitig vorzubeugen – unter anderem auch durch eine aufrechte Stillhaltung. Hebammen sind nach Klingers Ansicht die geeigneten Ansprechpartnerinnen, um bereits zu einem frühen Zeitpunkt Hilfe bei Inkontinenzproblemen anzubieten. Völlig verfehlt wäre es jedoch, aus den Daten eine Empfehlung gegen das Stillen abzuleiten, so die Bremer Hebamme, denn: "Auch Nicht-Stillen schützt nicht vor Harninkontinenz!"

H. Klinger:
Der Einfluss des Stillens auf die Entwicklung einer Harninkontinenz und die Beckenbodenkraft
Die Hebamme 2008; 21 (4): S. 258-264

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