Immer mehr Pflegekräfte greifen zu Suchtmitteln

fzm, Stuttgart, April 2014 – Pflegekräfte in Deutschland und Österreich greifen immer häufiger zu Suchtmitteln. Im Rahmen einer Umfrage des Pflegewissenschaftlers Professor Jürgen Osterbrink beantworteten 60 Prozent der deutschen und 40 Prozent der österreichischen Pflegekräfte die Frage, nach einem Suchtmittelproblem in der Pflege mit Ja. In einem Interview mit der Fachzeitschrift „kma – Das Gesundheitswirtschaftsmagazin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) legt der Experte weitere Zahlen offen, erklärt die Hintergründe und fordert zu einem offenen Umgang mit dem Problem auf.

Der Druck auf das Pflegepersonal nimmt insbesondere in Deutschland immer mehr zu. So wurden seit Mitte der 90er Jahre etwa 80.000 Stellen nicht mehr wieder besetzt. Gleichzeitig steigt der Versorgungsbedarf der einzelnen Patienten. „Manche suchen sich daher ein Ventil“, erklärt der Professor für Pflegewissenschaft an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg.

Das Resultat: 30 Prozent der rund 1.300 Umfrageteilnehmer gaben an, täglich Alkohol zu trinken. Zudem konsumieren viele Drogen wie Cannabis. Eine weitere große Gruppe greift, aufgrund der Griffnähe im Krankenhaus, zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. „Bei der Beschaffung der Suchtmittel haben sie es vergleichsweise leicht. Sie machen einen Medikamentenschrank auf und es steht ihnen alles zur Verfügung“, beschreibt Professor Osterbrink das Dilemma. Verschärft wird das Problem durch die große Solidärität, die unter dem Personal im Gesundheitsbereich besteht: „Wenn jemand betrunken zum Dienst kommt, setzt man den mal kurz hin und lässt ihn durchatmen“, so Professor Osterbrink.

Dabei müssten die Arbeitgeber dringend auf die Suchtprobleme reagieren, zum Schutz des Mitarbeiters und der Patienten. „Schließlich sind Kollegen mit Suchtproblemen nicht nur ein bisschen nachlässig, sondern krank und behandlungsbedürftig“, erklärt der Experte im Interview mit der Thieme Fachzeitschrift. Sind die Vorgesetzten entsprechend geschult, könnten sie Suchtprobleme identifizieren und adäquat darauf reagieren. So entschuldigen sich alkoholabhängige Kollegen oft mit Magenproblemen und Schlafstörungen. Wer sich am Pillenschrank bedient, klagt meist über gesundheitliche Probleme, gegen die er etwas einnimmt. Kollegen, die regelmäßig Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine einnehmen, reagieren verlangsamt.

Es ist wichtig, in Schulungen zu lernen, diese frühen Warnzeichen zu erkennen und ernst zu nehmen. Nur dann können Arbeitgeber rechtzeitig agieren und aktiv auf den Mitarbeiter zuzugehen. „Wenn die Sucht in der Frühphase behandelt wird, gibt es eine große Chance der Resozialisierung,“ bekräftigt Professor Osterbrink abschließend.

C. Dorner:
Interview mit Jürgen Osterbrink
„Hast Du ein Alkoholproblem?“
kma - Das Gesundheitswirtschaftsmagazin 2014; 19 (4): S. 70-71