Tabakentwöhnung: Verpasste Chancen in Akutkliniken

fzm – Wenn die Luft am Ende wegbleibt, ist auch der letzte Raucher bereit, auf Zigaretten zu verzichten. Bereits früher, bei einem Krankenhausaufenthalt etwa, böte sich eine gute Chance für eine erfolgreiche Tabakentwöhnung. Doch an deutschen Akutkliniken fehlen entsprechende Angebote, wie eine Umfrage in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) jetzt ergab.

Die Diagnose chronisch obstruktive Lungenerkrankung oder Lungenkrebs ist für Raucher ein Schock. Viele sind in dieser Situation empfänglich für eine Verhaltensänderung, berichtet Dr. Alexander Rupp, Mediziner am Krankenhaus vom Roten Kreuz in Stuttgart. Doch wegen ihrer Nikotinabhängigkeit schaffen sie es auch dann meist nicht ohne Unterstützung. Kurse zur Raucherentwöhnung könnten ihnen helfen. Die Durchführbarkeit solcher Maßnahmen in Krankenhäusern sei mehrfach belegt, schreibt der Suchtexperte. Und in den USA würden diese Therapien bereits in jeder zweiten Klinik angeboten, in der Schweiz immerhin in jeder fünften.

Von den 39 Klinikärzten für Lungenheilkunde, die Dr. Rupp in Baden-Württemberg telefonisch befragen ließ, konnten nur drei ihren Patienten Maßnahmen zur Tabakentwöhnung anbieten. Und nur in einem Krankenhaus, einer Fachklinik für Lungenerkrankungen, können die Patienten an einer mehrwöchigen Verhaltenstherapie teilnehmen, der derzeit wirksamsten Methode zur Raucherentwöhnung. Nikotinpflastern oder anderen Medikamenten können die Abstinenzrate verdoppeln. Doch keiner der von ihm befragten Ärzte verordnete diese Mittel regelmäßig. Die meisten belassen es bei mahnenden Worten oder verweisen die Patienten auf andere Einrichtungen.

Immerhin: Drei Kliniken kündigten an, demnächst ein Entwöhnungsprogramm einführen zu wollen. Dr. Rupp sieht darin ein Zeichen für eine Aufbruchstimmung. Doch den meisten Kliniken fehlt es an Personal, Zeit und Geld. Unter den derzeitigen Bedingungen sei eine Raucherentwöhnung an deutschen Kliniken nicht praktikabel, schreibt Dr. Rupp. Er fordert eine spezielle Vergütung für die Tabakentwöhnung. Eigentlich, so der Experte, sollte ein Teil der staatlichen Einnahmen aus der Tabaksteuer, 13,6 Milliarden Euro im Jahr 2008, für solche Zwecke bereit gestellt werden. Damit könnten dann beispielsweise hauptberufliche Raucherberater in den Kliniken finanziert werden.

A. Rupp et al.:
Tabakentwöhnung an pneumologischen Akutkliniken.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (11): S. 501-506

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