Wenn die Hilfsmittel fehlen

Stuttgart, März 2009 – Technische und orthopädische Hilfsmittel leisten einen wertvollen Beitrag dazu, dass Schlaganfallpatienten ihre Selbstständigkeit im Alltag so weit wie möglich erhalten können. Dennoch werden diese Hilfsmittel in Deutschland viel zu selten verordnet, beklagt Claudia Kemper in der Fachzeitschrift "ergopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Die Ursache hierfür sieht die Bremer Gesundheitswissenschaftlerin vor allem in den Strukturen des deutschen Gesundheitssystems.

Den Umgang mit Hilfsmitteln wie Rollstuhl, Rollator oder Badewannenlifter erlernen Schlaganfallpatienten oft mithilfe eines Ergotherapeuten. Obwohl diese Therapieform noch immer etlichen Patienten unbekannt ist, können viele von ihr profitieren. Gerade Patienten, die ihre Wohnung nicht verlassen können, sind auf Hausbesuche und therapeutische Hilfe in ihrem häuslichen Umfeld angewiesen. Das Ziel von Ergotherapeuten ist es, Aktivitäten zur körperlichen Selbstversorgung zu unterstützen. Nach den Heilmittelrichtlinien ist Ergotherapie daher nach einem Schlaganfall verordnungsfähig. Und nicht nur das: Claudia Kemper sieht die Ergotherapeuten in einer wichtigen Position, um eine bedarfsgerechte Versorgung der Patienten mit Hilfsmitteln zu gewährleisten. Denn gemäß den Richtlinien ist die Ergotherapie der einzige Heilmittelbereich, für den die Einbeziehung technischer Hilfsmittel vorgesehen ist.

Dennoch versickert die Initiative von Ergotherapeuten, die Hilfsmittelversorgung ihrer Patienten zu optimieren, oft in den Strukturen des Gesundheitssystems. "Ein Teil der Versorgungsmängel geht auf Schnittstellenprobleme zwischen dem ambulanten und stationären Sektor zurück", sagt Kemper und verweist auf entsprechende Untersuchungen. Oft spielten aber auch Kommunikationsprobleme zwischen Medizinern und Therapeuten eine Rolle. Auch wenn Ergo- und Physiotherapeuten bei ihrer intensiven Arbeit mit dem Patienten feststellen, dass dieser von einem bestimmten Hilfsmittel profitieren würde, können sie dieses nicht direkt selbst verordnen. Stattdessen läuft der Verordnungsweg über mehrere Stationen, wobei auch interdisziplinäre Hürden zu überwinden sind. So lassen sich zuweilen die behandelnden Ärzte – auch unter dem Einfluss von gesetzlichen Änderungen im Hilfsmittelsektor – nicht von der Notwendigkeit einer Hilfsmittelverordnung überzeugen. Und das letzte Wort liegt stets bei den Krankenkassen – eine weitere Hürde, an der die optimale Versorgung der Patienten nicht selten scheitert. Claudia Kemper berichtet von langen Bearbeitungszeiten, dem Ausweichen auf minderwertige Billigprodukte oder der einfachen Ablehnung eines Hilfsmittels trotz augenscheinlicher Notwendigkeit. "Solche Missstände führen schon mal dazu, dass Versicherte, die noch am Rollator laufen könnten, zu bettlägerigen Patienten werden", so die Autorin.

Bessere Versorgungsmöglichkeiten bestehen meist bei der stationären Schlaganfallnachsorge in Einrichtungen zur Rehabilitation. Hier kooperieren Ärzte, Pflegekräfte, Physio- und Ergotherapeuten, sowie Sanitätshäuser und Kassen eng miteinander. Für den Patienten bedeutet dies in der Regel eine deutlich intensivere Betreuung und kürzere Wartezeiten, da interdisziplinäre Fragen "auf dem kurzen Dienstweg" geklärt werden können. Eine ähnlich effektive Lösung für den ambulanten Sektor sieht Claudia Kemper in integrierten Versorgungsverträgen zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern. Die Verträge können unter anderem in einem so genannten Case Management bestehen, bei dem jeder Patient durch einen persönlichen Berater, dem Case Manager, bestmöglich begleitet wird. Durch den steten Kontakt zwischen dem Case Manager einerseits und Ärzten, Kassen und Therapeuten auf der anderen Seite könne der Patient auch hier zeitnah und bedarfsgerecht versorgt werden, so Kemper.

C. Kemper:
Sich der Herausforderung stellen – Hilfsmittelversorgung nach Schlaganfall.
ergopraxis 2009; 2 (2): S. 8-10

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!