Telemedizin: Chancen noch weitgehend ungenutzt

Stuttgart, September 2009 – Studien belegen: Telefon und Handy, aber auch Internet und Smartphone können helfen, die Betreuung chronisch Kranker deutlich zu verbessern. Die Versorgungsqualität erhöht sich, das individuelle Wohlbefinden steigt und Kosten sinken. Trotz aller Vorteile werden noch nicht alle Chancen der Telemedizin genutzt, sagt ein Experte im Vorfeld des AnyDay in Stuttgart. Nicht nur Patienten, Ärzte und Krankenkassen schöpfen Ihre Möglichkeiten nicht aus. Auch Gerätehersteller sind nicht konsequent in der Umsetzung neuer Strategien. Und eine Unterstützung von Seiten der Politik sei selten von Dauer.

Vor allem ältere Patienten haben oft aus Unkenntnis Vorbehalte und stimmen einer Teilnahme an telemedizinischen Programmen deshalb zunächst nicht zu , so Dr. Dierk Ronneberger von der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke in Fürth. „Viele Senioren sind verunsichert und vertrauen der neuen Technologie erst mal nicht“, berichtet Dr. Ronneberger. Diese Vorbehalte aufzulösen müsse als wichtige Aufgabe begriffen werden. Denn Telemedizin könne für die Patienten ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Verantwortung für die eigene Krankheit sein.

Eine Umfrage, wie beispielsweise die unter den Versicherten der Techniker Krankenkasse, zeigt, dass am Ende ein Großteil der Herzpatienten mit Ihrer Teilnahme am Telemedizinprogramm sehr zufrieden war. Die meisten sahen durch die Telemedizin auch das Vertrauen in ihren Arzt gestärkt, was nach Ansicht von Dr. Ronneberger eigentlich die Skeptiker unter den Hausärzten überzeugen müsste. Auch hier stoße die Telemedizin immer wieder auf Ablehnung: „Auch wir machen mit ‚Telemed Herz’, unserem Angebot für Patienten mit Herzschwäche, die gleiche Erfahrung. Erst die guten Ergebnisse der betreuten Patienten haben die letzten Bedenken endgültig vertrieben“, so Dr. med. Thorsten Pilgrim, Geschäftsführer der AnyCare GmbH. Dabei öffne Telemedizin Ärzten neue Betätigungsfelder, etwa im Bereich der Prävention von Krankheiten. Viele Krankenkassen fürchten in erste Linie einen Kostenzuwachs und eine Überversorgung, Das sind häufige Einwände, denen Dr. Ronneberger mit dem Argument begegnet, dass Telemedizin durch die Vermeidung von Krankheitskomplikationen im Gegenteil Kosten senke.

„Auch Technologieanbieter sind gefordert, patientengerechte Lösungen zu entwickeln“, mahnt Dr. Ronneberger. „Schließlich sind die geringe Nutzung aufgrund umständlicher Bedienungsmöglichkeiten und die fehlende Kompatibilität der Geräte durch uneinheitliche Standards Hindernisse auf dem Weg einer flächendeckenden telemedizinischen Vorsorgung“, so der Experte. Aber auch an die Dienstleister, die Telemedizin-Angebote umsetzen wollen, müssen hohe Anforderungen gestellt werden.

Von Politik und Selbstverwaltung der Ärzte wünscht sich der Experte zu guter Letzt bessere Rahmenbedingungen. Die Telemedizin sei im Bewusstsein vieler deutscher Politiker noch nicht richtig verankert, obwohl sie auf EU-Ebene zu einer der führenden Herausforderungen im Gesundheitssystem der nächsten Dekade erklärt wurde. Ohne den Abbau von bürokratischen Hürden und eine gesicherte Finanzierung werde es auch in Zukunft bei Insellösungen bleiben. Von denen, so Dr. Ronneberger, dann zu wenige Patienten profitieren und dies oft nur bis zum Ablauf eines Forschungsprojektes. Der volkswirtschaftliche und persönliche Nutzen der Telemedizin würde dadurch nicht einmal annähernd gehoben – was gerade in Zeiten leerer Kassen und zunehmend kritischer Patienten nur schwer verständlich erscheint.