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    Ärzte und Pflegekräfte tragen im Klinikalltag gemeinsam Sorge für das Wohl ihrer Patienten.

     

„Thieme Teaching Award“ für interprofessionelles Lernen: Im Notfall kann gute Kommunikation Leben retten

Stuttgart, April 2016 – Ärzte und Pflegekräfte tragen im Klinikalltag gemeinsam Sorge für das Wohl ihrer Patienten. In der Ausbildung beider Berufsgruppen spielt die interprofessionelle Zusammenarbeit jedoch kaum eine Rolle. Dabei ist es insbesondere in Notfällen wichtig, dass jeder im Behandlungsteam weiß, was er zu tun hat, und Anweisungen klar kommuniziert werden. Ein Projekt der Universitätsmedizin Greifswald trägt dieser Notwendigkeit Rechnung. Medizinstudierende und angehende Pflegekräfte lernen in einem Simulationskurs verschiedene Notfallszenarien kennen und lernen, wie sie Patienten gemeinsam schnell und gut versorgen. Die Konzeption und Evaluation des Lehrprojekts überzeugte die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und wurde deshalb mit dem diesjährigen „Thieme Teaching Award“ ausgezeichnet. Der Preis wird im Rahmen des Deutschen Anästhesiecongresses (DAC) am 14. April 2016 in Leipzig vergeben. Die Thieme Verlagsgruppe, Stuttgart, stiftet die mit insgesamt 2 500 Euro dotierte Auszeichnung.

„Die Tatsache, dass ein großer Teil der vorkommenden Behandlungsfehler auf Kommunikationsprobleme im Team zurückzuführen ist, hat den Ausschlag für unser Projekt gegeben“, erklärt der stellvertretende Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsmedizin Greifswald, Professor Dr. med. Konrad Meissner. Gemeinsam mit der Leiterin der Beruflichen Schule der Universitätsmedizin, Diplom-Medizinpädagogin Christiane Reppenhagen, initiierte er 2013 die Entwicklung eines didaktischen Konzeptes zum interprofessionellen Lernen, in dessen Mittelpunkt die Versorgung von Notfallpatienten steht. Zwei Assistenzärzte der Klinik, Ingmar Finkenzeller und Dr. med. Claudius Balzer, erarbeiteten darüber hinaus einen innovativen Ansatz zur Auswertung der überfachlichen Aspekte der Lehrveranstaltungen. Erstmals setzten sie eine softwaregesteuerte Videodokumentation im Rahmen der medizinischen Lehre ein.

In dem zweitägigen Kurs lernen die insgesamt 12 Teilnehmer zum einen für ihre Ausbildung notwendige fachliche Inhalte, zum anderen Techniken der Kommunikation und der Teamarbeit. Dafür üben sie in einem nachempfundenen Patientenzimmer an medizinischen Übungspuppen, wie sie zum Beispiel im Fall eines allergischen Schocks reagieren oder bei einer Unterzuckerung vorgehen müssen. „Unser Ziel ist, die Teilnehmer in die Lage zu versetzen, einen Notfallpatienten im Team strukturiert zu untersuchen, lebensbedrohliche Erkrankungen zu erkennen und die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten“, so die Initiatoren. Damit das gelingt, muss jeder im Team seine Handlungen und geplanten Vorgehensweisen den anderen verständlich mitteilen. So trainieren die Teilnehmer zum Beispiel gezielt die sogenannte „Closed-Loop“-Kommunikation. Auf eine Anweisung antwortet der angesprochene Teilnehmer direkt und signalisiert damit, dass er diese verstanden hat. Zudem artikuliert er, wenn er die Anweisung ausgeführt hat, damit weitere Schritte zeitnah erfolgen können. Das verhindert Missverständnisse und spart Zeit.

„Anhand der Videoaufzeichnungen der bisherigen Kurse können wir gut nachvollziehen, inwieweit die Studenten und Auszubildenden sich an inhaltliche Vorgaben wie Untersuchungsschemata gehalten oder wie sie in bestimmten Situationen kommuniziert haben“, erklärt Ingmar Finkenzeller, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Claudius Balzer für die Auswertung der videobasierten Datenerhebungen verantwortlich ist. „Ein Analysetool ermöglicht es uns, das rund 200 Stunden umfassende Filmmaterial in thematische Sequenzen, wie zum Beispiel vorhandene Closed-Loop-Kommunikation, zu zerteilen. Daraufhin können wir Szenarien hinsichtlich der Häufigkeit bestimmter Handlungen wie auch ihrer Qualität auswerten. Am Ende der noch laufenden Auswertung lässt sich dann bewerten, welche der angestrebten fachlichen und überfachlichen Lernziele erreicht wurden.“

Bislang haben bereits 120 Medizinstudierende und 120 Auszubildende der Gesundheits- und Krankenpflege das Kursmodul besucht. Es wurde im Rahmen des Programms „Operation Team – Interprofessionelles Lernen in den Gesundheitsberufen“ von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Die Resonanz ist durchweg positiv. Beide Seiten bewerteten das Angebot mit sehr gut. In der Ausbildung der Pflegekräfte ist die Veranstaltung seit 2014 deshalb bereits fester Bestandteil. Ab dem Sommersemester 2016 gehört sie auch zum Lehrplan für Medizinstudierende.

„Das Projekt überzeugte durch ein strukturiertes, innovatives Lernkonzept, hohe Originalität und seine Bedeutung für die Klinik“, begründet die Vorsitzende der Jury, Professor Dr. med. Thea Koch, die Entscheidung. „Die Vermittlung von notfallmedizinischem Wissen unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikation im Team trägt entscheidend dazu bei, die Behandlungsqualität und Patientensicherheit weiter zu erhöhen.“

Um den „Thieme Teaching Award“ bewerben sich Mitglieder der DGAI mit Arbeiten auf dem Gebiet der Lehre, Fort- und Weiterbildung in Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Die Thieme Verlagsgruppe stiftet den Preis in diesem Jahr zum 13. Mal.