• Porträt Preisträgerin Diane Bitzinger © privat

    Dr. Diane Bitzinger hat nachgefragt: Was bewegt Weiterbildungsassistenten in der Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin? © privat

     

Thieme Teaching Award 2017: Preisträgerin gibt jungen Anästhesisten eine Stimme

Stuttgart/Berlin, September 2017 – Die steigende Zahl älterer, multimorbider Patienten sowie der zunehmende Kostendruck in deutschen Kliniken erfordern motiviertes und hochqualifiziertes Personal. Im Rahmen einer Online-Befragung beklagen angehende Anästhesisten jedoch, dass für eine qualifizierte Weiterbildung im Klinikalltag oftmals kaum noch Zeit bleibe und die Arbeitsbedingungen in vielen Fällen wenig familien- und forschungsfreundlich seien. „Viele Umfrageteilnehmer empfinden die psychosoziale Arbeitsbelastung als zu hoch, wechseln daher den Arbeitsplatz oder sogar das Berufsfeld“, erklärt die Initiatorin der Umfrage und diesjährige Preisträgerin des „Thieme Teaching Awards“, Dr. Diane Bitzinger vom UKR Universitätsklinikum Regensburg. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) verleiht ihr den Preis für ihre wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Aus-, Fort- und Weiterbildung und ihr für Engagement für die Zukunft des Fachgebiets. Die Verleihung findet im Rahmen des 19. Hauptstadtkongresses der DGAI für Anästhesiologie und Intensivtherapie (HAI 2017) am 21. September 2017 in Berlin statt. Die Thieme Gruppe mit Sitz in Stuttgart stiftet die mit insgesamt 2500 Euro dotierte Auszeichnung.

„Der medizinische Fortschritt mit neuen Therapien und Möglichkeiten sowie die Zunahme an multimorbiden und zum Teil hochbetagten Risikopatienten stellen große Herausforderungen für uns und unser Fachgebiet dar“, erklärt Dr. Diane Bitzinger. Angesichts des sich verändernden Arbeitsumfeldes müssten sich auch die Strukturen und Prozesse in den vier Bereichen der Anästhesiologie – Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin, kurz AINS – anpassen. Dazu sei es jedoch erforderlich, die aktuellen Arbeits-, Weiterbildungs- und Forschungsbedingungen zu kennen. Deshalb befragte die Fachärztin für Anästhesiologie im Jahr 2015 alle in der DGAI und im Berufsverband Deutscher Anästhesisten e. V. (BDA) organisierten Nachwuchsmediziner – insgesamt 895 Umfrageteilnehmer. Bereits 2016 stellte sie die Ergebnisse auf dem Deutschen Anästhesiecongress (DAC) vor. Es folgte die zeitnahe Veröffentlichung eines Positionspapiers und die Publikation der Umfrageergebnisse 2017. In beiden Beiträgen wird deutlich, wo junge Anästhesisten zukünftig Handlungsbedarf sehen.

„Im Fachbereich Anästhesiologie vermissen viele Befragten verbindliche Qualitätsstandards in der Weiterbildung“, erklärt Dr. Bitzinger. Strukturierte Curricula und Rotationspläne mit definierten Lernzielen pro Weiterbildungsabschnitt sowie regelmäßige Simulationstrainings seien notwendig, um auch in Zukunft eine maximale Patientensicherheit gewährleisten zu können. In der Intensivmedizin fordern die jungen Anästhesisten eine bessere Organisation der Arbeitsabläufe. Dazu gehöre unter anderem die Delegation nicht-ärztlicher Aufgaben an geschultes Personal, um sich auf die ärztlichen Kernkompetenzen konzentrieren zu können. Zudem fehlten insbesondere medizin-ethische und palliative Konzepte in der Weiterbildung auf der Intensivstation. Im Gegensatz zu den anderen Bereichen würde die Notfallmedizin vielerorts eher als ‚Anhängsel‘ gesehen. „Da aber die Versorgung von Notfallpatienten nicht nebenbei zu leisten ist, fordern die in der Notfallmedizin tätigen jungen Anästhesisten die gleiche Anerkennung. Verbunden mit den gleichen Aufstiegschancen“, fasst Bitzinger zusammen. In der Schmerzmedizin plädieren die jungen Kollegen angesichts der aktuellen Unterversorgung für mehr Weiterbildungsplätze. Zudem kritisieren sie die aktuellen Lehrinhalte: Wichtige Behandlungsansätze, wie beispielsweise die Psychosomatik, spielten immer noch eine untergeordnete Rolle. Das müsse sich ändern.

„Mit ihrer Arbeit hat Dr. Diane Bitzinger einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Bedürfnisse und Erwartungen von Weiterbildungsassistenten geleistet. Darüber hinaus hat sie den Grundstein für die Vernetzung junger Ärztinnen und Ärzte innerhalb der Anästhesiologie, aber auch die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen anderer Fachdisziplinen gelegt“, begründet der Vorsitzende der Jury, Professor Frank Wappler, Köln, die Entscheidung. Ihre Beiträge seien aus Sicht der Preiskommission innovativ und zukunftsweisend, betont der Präsident der Deutschen Akademie für Anästhesiologische Fortbildung (DAAF). Damit fördere sie die inhaltliche Diskussion der jungen Ärztinnen und Ärzte mit den Weiterbildungsermächtigten sowie den Krankenhäusern und Ärztekammern.

Um den „Thieme Teaching Award“ bewerben sich Mitglieder der DGAI mit Arbeiten auf dem Gebiet der Lehre, Fort- und Weiterbildung in Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Die Thieme Gruppe stiftet den Preis in diesem Jahr zum 14. Mal.