• Dr. Hendrik Ohlenburg © privat

    Dr. Hendrik Ohlenburg legte bei seiner Entwicklung Wert auf Anwenderfreundlichkeit und passgenaue Informationen. © privat

     

„Thieme Teaching Award 2018“ für interprofessionelles Video-Lerntool

Erfolgreiche Wiederbelebung dank reibungsloser Teamarbeit

Wenn ein Patient in der Klinik wiederbelebt werden muss, zählt jede Sekunde. Ärzte und Pflegekräfte müssen dann gemeinsam schnell und koordiniert handeln. Neben medizinischem Fachwissen ist es vor allem die reibungslose Zusammenarbeit der Beteiligten, die das Gelingen der Reanimation maßgeblich beeinflusst. Auf ihre Rolle im Team werden beide Seiten bislang jedoch nur unzureichend vorbereitet. Das interprofessionelle Video-Lerntool „iMuVi:cpr“ schließt diese Lücke. Mit diesem können sich alle Beteiligten – entsprechend den an sie gestellten Anforderungen und Erwartungen – zielgerichtet vorbereiten. Entwickelt wurde das interaktive Fortbildungsmodul unter Federführung des Münsteraner Mediziners Dr. Hendrik Ohlenburg. Dafür erhält er im Rahmen des 20. Hauptstadtkongresses für Anästhesiologie und Intensivtherapie (HAI 2018) der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) den diesjährigen „Thieme Teaching Award“. Die Thieme Gruppe mit Sitz in Stuttgart stiftet die mit insgesamt 2500 Euro dotierte Auszeichnung bereits zum 15. Mal.

„Faktenvermittlung in Präsenzveranstaltungen ist ineffizient. Der Trend, sich Fachwissen bereits im Vorfeld anzueignen, ist auch im Bereich der Reanimation gängige Praxis“, erklärt Dr. Hendrik Ohlenburg. Er arbeitet in der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Münster als Facharzt für Anästhesiologie. Sowohl an der Medizinischen Fakultät als auch am Universitätsklinikum werden Flipped-Classroom-Konzepte eingesetzt. Das bedeutet, Medizinstudierende, Ärzte und Pflegekräfte lernen die notwendigen Fakten außerhalb der Präsenzzeit und wenden ihr Wissen unter Anleitung in Trainings an. Diese Art des Unterrichts findet breite Zustimmung. „Die Kursteilnehmer sind in der Theorie gut vorbereitet. Dozenten wie Studenten beklagten aber gleichermaßen, dass sie zwar wüssten, was sie tun müssten, aber nicht, wie. Es fehlte eine adäquate Vorbereitung auf die Rolle des Einzelnen im Notfallteam“, begründet der Preisträger seine Motivation für die Entwicklung des Lerntools.

Auf Grundlage der aktuellen Leitlinien zu Wiederbelebung des European Resuscitation Council (ERC) entwickelte Dr. Hendrik Ohlenburg zunächst vier Drehbücher für entsprechende Videos. Kern des Lerntools ist die Darstellung einer komplexen Teamsituation während einer Reanimation, die die unterschiedlichen Perspektiven der Gruppenmitglieder zeigt. Darin werden sowohl Kammerflimmern als auch Asystolie thematisiert. Der Nutzer kann aus bis zu acht Kameraperspektiven wählen und einzelne Rollen fokussiert betrachten. Darüber hinaus verfügt das Tool über zwei Kurzfilme zu Basismaßnahmen der Wiederbelebung und Teambriefing sowie -debriefing. Texte, Grafiken, Animationen und Verknüpfungen zu den entsprechenden Leitlinien ergänzen das Filmmaterial.

„Die Nutzer können, ihrem Kenntnisstand angepasst, Zusatzinformationen einholen oder überspringen“, erläutert Ohlenburg. Die zentrale Rolle im Notfallteam nimmt ein erfahrener Anästhesist als Teamleiter ein. Zusammen mit dem Atemwegsmanager (einem Anästhesisten) und Techniker (einer Intensivpflegekraft) bildet er das Notfallteam, das durch zwei Stationspflegekräfte alarmiert wurde. Parallel zu den Inhalten entwickelte das IT-Zentrum Forschung und Lehre der Medizinischen Fakultät Münster die zugrundeliegende Softwareplattform.

Im Herbst 2017 konnten die ersten 114 Studierenden das Tool „iMuVi:cpr“ im Rahmen einer Studie testen. Experten, in Ausbildung, Anästhesiologie und Notfallmaßnahmen erfahrene Ärzte, bewerteten die Zusammenarbeit der Teststudenten besser als die der Kontrollgruppe. Diese hatte vor der ersten Praxiseinheit nicht mit dem Tool gearbeitet. Die Teilnehmer selbst stuften die Bedienbarkeit des Programms als überdurchschnittlich gut ein. Kommentare und Erfahrungen der Tester nutzte Hendrik Ohlenburg für die Weiterentwicklung. Ab Herbst dieses Jahres wird „iMuVi:cpr“ in der curricularen Lehre der Studierenden eingesetzt. Das UKM-Trainingszentrum bereitet Mitarbeiter des Universitätsklinikums Münster damit zukünftig vorab auf ihre Praxistrainings vor.

„Das Lerntool bietet angehenden Medizinern und Pflegekräften eine sehr gute Vorbereitung auf das Praxistraining für Wiederbelebungsmaßnahmen im Notfallteam“, begründet Professor Frank Wappler, Vorsitzender der Jury und Präsident der Deutschen Akademie für Anästhesiologische Fortbildung (DAAF), die Entscheidung. Für eine erfolgreiche Wiederbelebung reichten Wissen und motorische Fähigkeiten allein nicht aus. Die Vorbereitung auf die Arbeit im Team sei für alle Beteiligten wichtig, um in zeitkritischen, komplexen Situationen angemessen handeln zu können, betont Professor Wappler. Ohlenburgs Entwicklung steigere nicht nur die fachliche Kompetenz der Teilnehmer, sondern erhöhe gleichermaßen die Behandlungsqualität für die Patienten.

Über den Preis

Um den „Thieme Teaching Award“ bewerben sich jedes Jahr Mitglieder der DGAI mit Arbeiten auf dem Gebiet der Lehre, Fort- und Weiterbildung in Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Die Thieme Gruppe stiftet den Preis bereits zum 15. Mal.