Tollwut: Gefährdung auf Reisen und durch Fledermäuse

Stuttgart, Mai 2012 – Auch wenn Deutschland im September 2008 nach der letzten Erkrankung eines Fuchses für tollwutfrei erklärt wurde: Eine absolute Garantie gegen die tödlichste aller Viruserkrankungen gibt es nicht. Ein Experte rät in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) zur Vorsicht bei streunenden Hunden und bei Fledermäusen. Auch bei Reisen ins Ausland sei eine Ansteckung noch immer möglich.

Weltweit sterben jährlich mehr als 55.000 Menschen an Tollwut, schreiben Dr. Tim Kümmerle und seine Co-Autoren von der Universität Köln. Vor allem auf dem indischen Subkontinent, in Afrika und Südamerika sei die Erkrankung weit verbreitet. Wer dort einen längeren Aufenthalt in abgelegene Regionen mit unzureichender ärztlicher Versorgung plane oder am Urlaubsort Umgang mit Tieren habe, sollte sich nach Ansicht des Infektiologen vorsichtshalber impfen lassen. Der heutige Impfstoff sei sicher und effektiv. Ernstzunehmende Nebenwirkungen sind laut Dr. Kümmerle nicht zu erwarten. Nicht geimpften Touristen rät der Experte, in den Verbreitungsgebieten der Tollwut jegliche Berührung mit Wildtieren zu meiden. Zu den Überträgern der Tollwut gehören neben Hunden und Füchsen auch Katzen, Marderhunde, Waschbären, Dachse, Marder und Rehe.

In Deutschland sind seit 2006 keine Fälle von terrestrischer Tollwut, also bei Landsäugetieren, mehr aufgetreten. Im Osten Polens, Osteuropa, im Baltikum, dem Balkan und seit 2008 auch in Norditalien ist sie aber noch verbreitet. Dass sie trotz offener Grenzen unbemerkt nach Deutschland eingeschleppt wird, hält Dr. Kümmerle für unwahrscheinlich. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Tollwutepidemie betrage nur 40 bis 60 Kilometer pro Jahr und in Deutschland würden regelmäßig Wildtiere überprüft.

Anders ist dies bei Tieren, die von Touristen am Urlaubsort aufgefangen und als „Rettungsaktion“ mit nach Hause gebracht werden. Die üblichen Einfuhr- und Zollregeln wie Quarantäne und Impfung würden beim Import dieser Tiere oft missachtet, berichtet Dr. Kümmerle. In Deutschland könnten erkrankte Tiere dann freigelassen werden. Streunende Hunde und verwilderte Katzen, die eine starke Aggressivität zeigen, abgemagert oder krank aussehen oder einen ungewöhnlichen Speichelfluss aufweisen, sind deshalb auch in Deutschland verdächtig, warnt der Experte. Nach einem Kontakt sollte man das Tier einfangen und testen lassen. Im Zweifelsfall rät Dr. Kümmerle zu einer nachträglichen, sogenannten postexpositionellen Impfung. Sie wirkt bei der Tollwut so lange, wie keine Krankheitszeichen beim Menschen aufgetreten sind. Diese Inkubationszeit beträgt beim Menschen ein bis drei Monate, es gebe aber auch schnellere oder langsamere, teilweise jahrelange Verläufe. Zur Erkrankung kommt es, wenn die Viren das Gehirn erreichen und dort eine Gehirnentzündung verursachen. Der Transport dorthin erfolgt laut Dr. Kümmerle innerhalb der Nerven mit einer Geschwindigkeit von fünf bis zehn Zentimetern pro Tag.

Neben Landsäugetieren können auch Fledermäuse eine Tollwut übertragen. Das Risiko ist jedoch verschwindend gering. Dr. Kümmerle: Gefährdet sind nur Personen, die sich beruflich mit Fledermäusen befassen. Europaweit seien bisher nur 5 Erkrankungsfälle beim Menschen bekannt geworden, zuletzt 2002 in Schottland. In Deutschland hat es laut Dr. Kümmerle bisher keine einzige Erkrankung gegeben, obwohl vor allem in Norddeutschland nach wie vor Fledermäuse mit Tollwutviren infiziert sind. Zuletzt wurde im August 2010 in der Eifel eine Frau von einer flugunfähigen Fledermaus gebissen, die mit Tollwut infiziert war. Dr. Kümmerle: Bewohner von Häusern, in denen Fledermäuse Quartier bezogen haben, brauchen sich nicht impfen zu lassen. Wenn aber im Zimmer eines kleinen Kindes oder einer schlafenden Person eine Fledermaus aufgefunden wird, sollte das Tier untersucht werden und im Zweifelsfall eine Impfung erfolgen.

Kümmerle, T.; Fätkenheuer, G.; Hallek, M.:
Tollwut-Impfung: wann und wie?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012: 137 (15): S. 789-792

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