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    Einschneidende Verluste im Leben lösen Trauer aus. © evgenyatamanenko – Fotolia.com

     

Trauerbegleitung: Jede Träne heilt!

fzm, Stuttgart, April 2017 – Trauer kann die ganze Palette möglicher Gefühle beinhalten und in den unterschiedlichsten Lebenssituationen auftreten. Ausgelöst wird sie durch einen einschneidenden Verlust. Dieser muss nicht immer mit dem Tod einer nahestehenden Person in Zusammenhang stehen. Es gibt auch andere Verluste, die sehr belasten und mit Trauergefühlen einhergehen könnten, etwa der Verlust der eigenen Wohnung, der Selbstständigkeit oder einer beruflichen Position. Andreas Süskow, professioneller Trauerbegleiter, schildert in der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017), was Betroffenen helfen kann, heilsam mit ihrem Verlust umzugehen.

In jedem Fall solle das Gefühl der Trauer ernst genommen werden, so Süskow. „Die Trauer ist eine Diva, sie will gesehen werden“, zitiert er den bekannten Psychologen Jorgos Canacakis. Wenig hilfreich sei es daher, das Gespräch mit gut gemeinten, aufmunternden Worten wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ vom Verlust wegzulenken. Ein echter Dialog, der den Betroffenen dazu ermuntert, seinen Emotionen Ausdruck zu geben, bahne der Trauer dagegen einen dringend benötigten Weg.

Darüber hinaus kenne Trauer keine zeitliche Begrenzung. „Ein Verlust bleibt ein Verlust, auch nach Ablauf des Trauerjahres“, bemerkt Süskow. Trauernde, deren Verlust schon länger zurückliegt, leiden oft unter der Erwartung ihres Umfelds, dass nun alles wieder beim Alten und der Verlust überwunden sein müsse. Über das belastende Ereignis zu sprechen wird dann immer schwieriger.

Wie gut solche Gespräche auch nach langer Zeit noch tun können, erläutert Süskow am Beispiel einer älteren Patientin: Bei der Schilderung ihres Lebenslaufs kommt sie ins Stocken, als sie vom plötzlichen Tod ihres Erstgeborenen spricht, der bereits dreißig Jahre zurücklag: Er war im Alter von einer Woche verstorben. Damals habe ihr Umfeld ihr keinen Raum für echte Trauer gelassen. Die Beerdigung habe sie als spartanisch und würdelos empfunden. Indem der Trauerbegleiter nach dem Namen des Sohnes fragt, signalisiert er, dass er ihre Trauer ernst nimmt. Erst dann kann sie sich ihren Gefühlen stellen und hemmungslos weinen – ein wichtiger Ausdruck dafür, dass Trauer zugelassen und ausgelebt wird. „Jede Träne heilt“, sagt Andreas Süskow.

Auch der Umzug in ein Altersheim kann Trauergefühle auslösen: Wenn ältere Menschen die eigene, möglicherweise über Jahrzehnte innegehabte Wohnung aufgeben, verlieren sie mit einem Schlag ihre Selbstständigkeit. Diese Verluste, gepaart mit dem Gefühl, mit all dem Neuen überfordert zu sein, können sehr belastend sein. Hier gibt Andreas Süskow den Rat, nicht mit einem „Sie werden sich schon bald einleben“ zu beschwichtigen, sondern auch hier offen mit der Trauer umzugehen. „Das kann beispielsweise geschehen, indem man genau nachfragt, was der Betroffene am meisten vermisst“, rät er.

Ein wichtiges Element in Süskows Arbeit mit Trauernden sind Rituale. „Mit ihrer Symbolik schaffen sie Räume, in denen Trauernde auf würdevolle Art mit ihren Gefühlen in Kontakt kommen“, erläutert er. Im Fall der trauernden Mutter war dies eine Kerze, die sie vor jedem Therapiegespräch für ihren Sohn anzündete. Wie wichtig es ist, der Trauer solche äußeren, aber auch inneren Räume zu geben – auch dafür hat Jorgos Canacakis ein Bild: „Der Raum in uns, in dem wir Schmerz und Trauer empfinden, ist derselbe, in dem auch Freude entsteht“, sagt er. „Je mehr wir Trauer zulassen, desto mehr Raum steht auch der Freude zur Verfügung.“

A. Süskow:
Umgang mit Tod und Trauer – Jede Träne heilt
ergopraxis 17 (3); S. 25–27

 

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