Der Traum vom anderen Geschlecht

fzm – Transsexuelle Menschen sind sich sicher: Das Geschlecht, dem sie zugeordnet werden, ist das falsche. Sie sehnen sich nach dem Gegengeschlecht – wollen also das sein, was sie – biologisch gesehen – nicht sind. Diesem Wunsch nach einer neuen Geschlechtsidentität kann die moderne Medizin ansatzweise gerecht werden – dank einer langfristig angelegten Hormonbehandlung. Doch die Therapie ist komplikationsreich und irreversibel, wie der Arzt und Hormonexperte Dr. Sebastian Lederbogen in der neusten Ausgabe der Fachzeitschrift "PiD Psychotherapie im Dialog" darlegt (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Ohne psychologische Betreuung, so Lederbogen, sei eine Hormontherapie nicht verantwortbar. Das liegt nicht zuletzt daran, dass insbesondere die Behandlung von Mann-zu-Frau-Transsexuellen mit vielen Enttäuschungen verbunden sein kann. Zugleich mangelt es hier an einem allseits akzeptierten therapeutischen Standard. Der Wunsch eines Mannes, als Frau zu leben, lässt sich schwerer einlösen als der Wunsch einer Frau nach männlicher Geschlechtsidentität.

"Die Hormontherapie der Transsexualität", so Lederbogen, "ist eine lebenslange Behandlung, die Risiken und Nebenwirkungen in sich birgt und teilweise irreversible körperliche Veränderungen zur Folge hat." Deshalb muss zunächst sichergestellt sein, dass der Wunsch stabil ist und aus einer festen inneren Überzeugung hervorgeht. Aufgabe der Ärzte ist es, keine überzogenen Hoffnungen zu wecken. Mittels Hormonen sei es möglich, so Lederbogen, dem Wunsch-Geschlecht näher zu kommen. Ganz erreichen lasse es sich aber oftmals nicht. "Bereits im Vorfeld müssen nicht realisierbare Wünsche und Vorstellungen hinsichtlich des späteren Aussehens besprochen werden, um Enttäuschungen zu vermeiden." Aus Sicht der Betroffenen ist der Beginn der Hormonbehandlung ein "Meilenstein", wie Lederbogen meint.

Bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen herrscht Einigkeit hinsichtlich der richtigen Therapie: Ein Testosteronpräparat wird alle zwei Wochen in die Muskulatur gespritzt. Dadurch kommt es zu Bartwuchs und tiefer Stimme. "Die Änderung der Stimmlage wird von den meisten Transsexuellen als sehr wichtig erachtet, da bei der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen die Stimmlage automatisch eine Zuordnung zu dem gewünschten Geschlecht ermöglicht", weiß Lederbogen. So sehr sich die Frau-zu-Mann-Therapie bewährt hat, so uneinheitlich ist die Mann-zu-Frau-Therapie. "Hinsichtlich der Hormontherapie bei Mann-zu-Frau-Transsexualismus existieren keine verbindlichen Richtlinien oder Standards." Im Normalfall kommen Östrogenpräparate zum Einsatz. Dadurch steige jedoch die Thrombosegefahr. Die Erfolge sind kleiner als von den Patienten zum Teil erhofft. So bewirken die verabreichten Östrogene zwar eine gewisse Verweiblichung. "In vielen Fällen bleibt die Brustentwicklung jedoch unzureichend", sagt Lederbogen. Der psychologische Wunsch, in einem anderen Geschlecht zu leben, kann von Medizinern nicht immer vollends erfüllt werden – zumindest nicht im Falle von Männern, die gerne als Frau leben wollen.

S. Lederbogen:
Hormonbehandlung.
PiD Psychotherapie im Dialog 2009; 10 (1):
S. 41-43

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