„Das Kita-Kochbuch“ – Entstehung und Rezepte

Guido Schmelich ist Vater von zwei Kindern, Sammler und Erfinder von Kochrezepten und Inhaber der Ideenschmiede Kidscript in München.

Mein Hintergrund

Ich arbeite seit 20 Jahren für Kindermedien aller Zielgruppen von zwei bis 16 Jahren, habe weit über 100 Drehbücher für Serien und Kinofilme verfasst, Medienkonzepte erstellt und Marken betreut. Seit ich für meinen Lebensunterhalt sorge, habe ich also mit Kindern zu tun – sie liegen mir am Herzen.

Das Thema gesunde Ernährung hat in meiner Familie überhaupt keine Rolle gespielt. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Lebensmittelallergien, Übergewicht, ausgewogene Mahlzeiten – alles Fremdwörter. Mit meiner ersten „Diät“ (ich war etwa 14) habe ich mich dann immer mehr für Ernährung interessiert. Kochen für mich und andere und Rezepte entwickeln spielte seither in meinem Leben eine immer größer werdende Rolle. Koch wollte ich trotzdem nicht werden.

Mit der Geburt meines ersten Sohnes flammte das Thema dann wieder auf. Irgendwann wurde ich von einem Kindermagazin gefragt, ob ich nicht ein paar Rezepte für Kinder entwickeln und fotografieren könnte. Das war der Einstieg in die Professionalisierung des Themas Ernährung, Foodstyling und Foodfotografie. Styling, also der gute „Look“ eines Essens, ist enorm wichtig, denn Kinder lieben schön angerichtetes Essen, Details und Deko.

Warum das Kita-Kochbuch

Wir sind eine Patchwork Familie mit Kindern verschiedener Altersklassen. Nach diversen „Horrorgeschichten“ aus dem Kita-Alltag, wie Fischstäbchen vom Caterer, die innen noch gefroren waren, und nicht zuletzt aufgrund der Geburt meiner jüngsten Tochter wollte ich ein Standardwerk für die Kita- und Gemeinschaftsverpflegung schaffen. Die ersten Recherchen bestätigten meine Vermutung, dass hier großer Verbesserungsbedarf besteht. Ich war bei so mancher Mittagstafel dabei, es wurde oft lieblos im Essen rumgestochert, die Teller waren am Ende genauso voll wie am Anfang. Grund: Das Essen war völlig verkocht, viel zu fettig, lieblos angerichtet und geschmacksneutral. Hauptsache, billig und schnell. Auf diese Weise gewöhnen sich Kinder aber an „billig & schnell“. Leider ein völlig falscher Ansatz.

Ich habe außerdem mit vielen Müttern, Betreuern und Kindern gesprochen. Die meisten beklagten die Einfältigkeit und die miese Qualität des Essens, viele wünschten sich mehr Abwechslung und gesünderes Essen. Es folgte eine große Umfrage im Internet, zu der ich etwa 200 Kitas angeschrieben habe. 80 davon haben sich meinem Fragenkatalog gestellt. Nach dieser Maßgabe habe ich dann das Feinkonzept fürs Kita-Kochbuch erstellt.

Die ursprüngliche Idee war, einfach ein Kochbuch mit Rezepten für Großgruppen zu machen. Der TRIAS Verlag schlug vor, einen umfassenden Theorieteil zu ergänzen, der sich mit Themen wie Hygiene, Garmethoden, Speisepläne und Vorratshaltung befasst. Eine Kita ist ein Lebensmittel verarbeitender Betrieb und unterliegt strengen gesetzlichen Vorgaben. Hier konnte ich Helmut Nussbaumer als Co-Autor gewinnen, da ich selbst kein ausgebildeter Lebensmittelexperte bin. Helmut Nussbaumer brachte sein Know-how und auch eigene Themen ein. Das Kita-Kochbuch sollte also ein echtes „Working Tool“ für Tagesmütter und kleinere, vor allem privat betriebene Kitas werden, die sich mit sehr individuellen Fragen zum Thema Ernährung und Organisation auseinandersetzen müssen.

Die Rezepte

Mir war außerdem wichtig, dass das Kita-Kochbuch nicht die Anmutung eines Diätkochbuches erhält. Essen, Kochen und Ernährung sollten vor allem attraktiv und interessant sein, mit internationalen Gerichten, die besonders gut schmecken. Das gesündeste Essen nützt nichts, wenn es keiner mag – und Kinder MÖGEN Kita-Essen oft einfach nicht. Ich hatte daher absolut keine Lust auf ein Buch, das es schon tausend Mal gibt. Deshalb findet man im Kita-Kochbuch auch relativ wenige altbekannte „Klassiker“ - wohl aber die eine oder andere Neuinterpretation eines solchen. Eine Minestrone mit gewürfeltem Kürbis, Wirsing und Kichererbsen funktioniert genauso gut wie das Original. Auch regionale Rezepte verschiedener Bundesländer werden berücksichtigt.

Jedes Rezept im Buch soll eine kleine Besonderheit haben – einen Hingucker, der zum Nachkochen animiert. Und sei es nur ein spezielles Brösel-Topping aus geröstetem Curry-Couscous, das einen vielleicht eher langweiligen Blumenkohl in ein echtes Highlight verwandelt. Eine gute Mahlzeit ist auch immer ein kleines Event.

Das Spiel mit ungewöhnlichen Zutaten wurde allerdings nur mit Bedacht betrieben – Kinder stehen weniger auf Experimente, als man denkt. Sie wollen es einfach. Übersichtlich. Sortierfähig. Mit eindeutigen Aromen. Und trotzdem sind Kinder neugierig. Oft enthalten die Rezepte etwas Bekanntes, kombiniert mit etwas Neuartigem, das sich aber bei Nichtgefallen auch ganz einfach austauschen oder aussortieren lässt. Kinder brauchen zuweilen sehr lange, um sich an etwas Neues zu gewöhnen.

Ein auf den ersten Blick fremdartiges Gericht kann auch über seine „Verpackung“ für Kinder interessant werden. Warum die Suppe nicht mal im Glas servieren? Oder den Salat? Der Entertain-
ment-Faktor beim Essen, zum Beispiel durch Farben und Formen einer Speise, ist mir persönlich ein großes Anliegen. Nichts ist langweiliger als ein Teller, den das Auge mit einem Blick begriffen hat. Entertainment auf dem Teller ist überdies kein Hexenwerk. Kinder freuen sich, wenn sie das Gefühl haben, „da hat sich jemand Mühe gegeben“. Und warum sollte man sich für Kinder eigentlich keine Mühe geben?

Je nach Gruppengröße lassen sich die Rezepte problemlos hoch- oder runterrechnen. Die Zubereitungszeiten sind großzügig berechnet und es gibt Tipps, wie man aus übrig gebliebenen Speisen oder Zutaten für den nächsten Tag ein neues Gericht zaubern kann. Die Rezepte haben immer ein „Auge“ aufs Budget und enthalten in der Regel günstige und einfach zu beschaffende Zutaten. Die Zubereitung ist ebenfalls für jedermann zu wuppen. Eine Tabelle mit nährstoffschonenden Garmethoden soll überdies helfen, das Beste aus einem Lebensmittel herauszuholen.

Das Kita-Kochbuch enthält viele fleischlose Gerichte. Grund dafür ist, dass der Fleischkonsum zu Hause häufig immens ist. Fleisch ist außerdem teuer, besonders wenn es aus artgerechter Haltung stammt. Das passt oft nicht zu den üblichen Budgets, die für ein Kita-Essen vorgesehen sind. Für das Eiweiß werden in den Rezepten daher oft Hülsenfrüchte verwendet. Die schmecken ganz hervorragend, sind gesund und äußerst vielseitig. Ein Beispiel sind die Falafel-Pops aus Kichererbsen.

Die Rezepte für das Kita-Kochbuch entstammen zum Teil meinem eigenen Fundus, viele wurden aber auch extra für das Buch und nach Maßgabe der Deutschen Gesellschaft für Ernährung DGE entwickelt. Das gilt auch für die Monats-Speisepläne, die im Buch auftauchen. Im Buch habe ich dennoch an vielen Stellen darauf hingewiesen, dass die Rezepte keinen dogmatischen Anspruch haben. Zutaten können leicht ausgetauscht werden, alles kann nach eigenem Gusto variiert werden. Wenn es die Rezepte hergeben, werden auch die Kinder beim Herstellungsprozess der Speisen mit eingebunden. Sinn und Zweck einer guten, gesunden Kita-Küche ist es, die Sensibilisierung fürs Essen und dessen Zubereitung zu erreichen. Das Kita-Kochbuch soll Köche und Kinder gleichermaßen inspirieren.

Es gilt das gesprochene Wort.
Berlin, 7. Juli 2015

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