Tropische Sprue: Ungleiche Schwester der Zöliakie

Stuttgart, Juli 2009 – Menschen mit einer Zöliakie, auch einheimische Sprue genannt, müssen Getreideprodukte meiden, wenn sie nicht an schweren Durchfällen und Blutarmut erkranken wollen. Die gleichen Beschwerden können nach einer Reise nach Mittelamerika, Südasien oder in bestimmte Länder Afrikas auftreten. Bei dieser tropischen Sprue besteht die Behandlung in der Einnahme von Antibiotika. Sie können die Darmfunktion innerhalb weniger Wochen auf Dauer normalisieren, berichtet eine Expertin in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Noch bis in die 1970er Jahre gingen Wissenschaftler davon aus, dass die einheimische und die tropische Sprue Varianten des gleichen Leidens sind, schreibt Dr. Gabriele Birkenfeld vom Universitätsklinikum Regensburg. Denn beide Erkrankungen gehen mit einer Zerstörung der Dünndarmschleimhaut einher. Die Aufnahme von Nährstoffen, aber auch von Vitaminen für die Blutbildung ist dann vermindert. Es kommt zur Mangelernährung. Die Menschen magern ab. Unbehandelt können sie an der Sprue sterben.

Bei Menschen mit einheimischer Sprue bessern sich die Symptome, wenn sie Getreideprodukte mit Klebereiweiß (Gluten) meiden, das im Darm eine allergische Reaktion auslöst. Der Dünndarm erholt sich dann von selbst. Bei Menschen mit tropischer Sprue wäre diese Behandlung sinnlos. Bis heute ist nicht geklärt, warum es bei der tropischen Sprue zur Zerstörung der Darmschleimhaut kommt, so Dr. Birkenfeld. Die meisten Experten vermuten, dass die Besiedelung des Darms mit einem Bakterium der erste "Dominostein" ist, der eine Kette weiterer Veränderungen veranlasst. Dazu gehört neben einer Schädigung der Darmschleimhaut auch eine Fehlbesiedlung des Darms. Häufige voluminöse Stuhlgänge sind die Folge.

Welches Bakterium die tropische Sprue verursacht, konnte bisher nicht geklärt werden, erläutert Dr. Birkenfeld. Sicher ist aber, dass nur Menschen erkranken, sie sich in Ländern aufgehalten haben, in denen die Erkrankung weit verbreitet ist. Oft wird ein Zusammenhang nicht erkannt, da die Reisenden erst Wochen oder Monate nach der Rückkehr erkranken. Sie leiden dann jahrelang unter dauerhaften Durchfällen, wie beispielsweise ein Patient am Universitätsklinikum Regensburg, der bis zu sechsmal täglich die Toilette aufsuchte und in den vier Jahren seines Leidens 22 Kilo abgenommen hatte. Die Ursache erkannten die Ärzte erst bei einer Dünndarmspiegelung, bei der sie mehrere Liter einer übelriechenden Flüssigkeit absaugten und die Schleimhautschädigung feststellten. Da der 48-jährige Ingenieur vor der Erkrankung lange Jahre in Mexiko tätig war, wurde eine tropische Sprue vermutet. Mit einer Antibiotikabehandlung und der Aufstockung der Vitaminvorräte erholte sich der Mann innerhalb von zwei Wochen vollständig von seiner chronischen Durchfallerkrankung.

G. Birkenfeld:
Tropische Sprue – Eine ungewöhnliche Differentialdiagnose bei chronischer Diarrhoe.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (28/29): S. 1478-1482

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!