Tuberkulose erstarkt: Resistenzen machen Behandlung langwierig und kostspielig

fzm, Stuttgart, Oktober 2015 – Durch Krankheitsfälle in Flüchtlingsunterkünften machte die Tuberkulose jüngst Schlagzeilen. Ein Wiedererstarken der Infektionskrankheit zeichnet sich jedoch seit einigen Jahren ab. Die Anzahl der Patienten, die an einer multiresistenten Form der Tuberkulose erkrankt sind, ist weltweit und auch in Deutschland stark angestiegen. Die Behandlung ist in diesen Fällen langwierig und mit erheblichen Kosten verbunden, wie ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) erläutert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im letzten Jahr die „End-TB-Strategy“ vorgestellt. Bis zum Jahre 2035 soll die Erkrankung eingedämmt werden. Ein ehrgeiziges Ziel, da derzeit weltweit jedes Jahr neun Millionen Menschen an Tuberkulose erkranken und eineinhalb Millionen daran sterben, wie Professor Christoph Lange vom Tuberkulose-Forschungszentrum Borstel bei Hamburg berichtet.

Die Zahl der Menschen, die mit dem Erreger infiziert sind, ist noch wesentlich größer. Die WHO schätzt, dass ein Drittel der Menschheit die Krankheit in sich trägt. Eine Behandlung dieser latenten Tuberkulose ist zwar möglich. Die Zahl der Infizierten, die behandelt werden müssten, um eine aktive Erkrankung zu verhindern, wäre jedoch enorm, so Professor Lange.

Reihenuntersuchungen gibt es in Deutschland seit längeren nicht mehr. Nur enge Kontaktpersonen von Tuberkulosekranken – dies waren im letzten Jahr 4.488 Menschen – werden getestet und bei Nachweis einer Infektion behandelt. Standardtest ist ein sogenanntes Interferon-gamma-Release-Assay, der eine aktive Infektion anzeigt. Die Zahl der Kontaktpersonen, die behandelt werden müssen, um eine Erkrankung zu vermeiden, liegt laut Professor Lange bei 37 bis 39 Personen. Der Experte rät deshalb den Kontaktpersonen, bei denen eine Infektion nachgewiesen wurde, dringend zu einer Behandlung. Gezwungen werden können sie jedoch nicht.

Die Behandlung der latenten Tuberkulose dauert neun Monate. Die Infizierten müssen täglich eine Tablette mit dem Standardmittel Isoniazid einnehmen. Eine Verkürzung auf zwölf Wochen wäre möglich, doch das erforderliche Medikament, Rifapentin, das zusätzlich zu Isoniazid eingenommen werden muss, ist in Deutschland derzeit nur über die internationale Apotheke erhältlich.

Eine ansteckende Tuberkulose muss immer behandelt werden. Die Patienten erhalten in den ersten zwei Monaten vier Wirkstoffe: Rifampicin, Isoniazid, Ethambutol und Pyrazinamid. Anschließend müssen sie noch vier weitere Monate zwei Medikamente (Rifampicin, Isoniazid) einnehmen. Alle Versuche, die Therapiedauer von insgesamt sechs auf vier Monate zu verkürzen, sind laut Professor Lange gescheitert. Trotz der langen Behandlung sind die Gesamtkosten für die Medikamente mit etwas über 300 Euro gering.

Wenn es jedoch zu Resistenzen kommt, wird es teuer. Bei der leichteren Variante, der MDR-Tuberkulose, kosten dann allein die Medikamente 23.000 Euro. Bei der XDR-Tuberkulose, bei denen die Bakterien gegen viele Wirkstoffe resistent sind, sind es bis zu 90.000 Euro pro Patient. Die Behandlung dauert dann mindestens 20 Monate, es sind regelmäßig kostspielige Resistenztests notwendig. Die Behandlung sollte deshalb nur an spezialisierten Zentren erfolgen.

Bislang sind MDR- und XDR-Tuberkulose in Deutschland selten. Dies könnte sich laut Professor Lange jedoch jederzeit ändern. Weltweit sei die Anzahl von Patienten mit einer multiresistenten Tuberkulose dramatisch gestiegen, zuletzt auch in Europa.

B. Kalsdorf, I. D. Olaru, C. Lange, J. Heyckendorf:
Tuberkulose
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (20); S.1508–1512