Experte: Tumormarker für die Krebsfrüherkennung nicht empfehlenswert

Stuttgart, Januar 2013 – Ärzte können heute den Verlauf von Krebsleiden durch Labortests beurteilen, die von den Krebszellen in Blut, Urin oder andere Körperflüssigkeit abgegebene Moleküle messen. Der Nutzen dieser Tumormarker für die Krebsfrüherkennung ist jedoch gering, erklärt ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2013).

Der bekannteste Tumormarker ist das Prostata-spezifische Antigen, kurz: PSA. Es ist beim Krebs der Vorsteherdrüse vermehrt im Blut nachweisbar. Da es aber in geringerer Menge auch von gesunden Drüsenzellen freigesetzt wird, ist der Test nicht zuverlässig: Nicht alle Männer mit erhöhten PSA-Werten leiden an einem Prostatakarzinom. Andererseits kann eine Krebserkrankung nicht ausgeschlossen werden, wenn der PSA-Wert nur die Hälfte des allgemein anerkannten Schwellenwerts - das sind 4 Nanogramm auf 1 Milliliter Blutserum – erreicht hat, erläutert Professor Günther Wiedemann, Chefarzt an der Oberschwabenklinik in Ravensburg.

Um die Diagnose zu sichern, müssen die Urologen eine Biopsie durchführen. Dabei werden mit feinen Nadeln Gewebeproben aus der Drüse entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Werden dabei Krebszellen gefunden, wird den Patienten meistens zur Entfernung der Prostata durch eine Operation geraten. In den USA hat die Einführung des PSA-Tests zu einer deutlichen Zunahme der Operationen geführt. Professor Wiedemann: Das „Lebenszeitrisiko“ von Männern auf ein Prostatakarzinom ist dort von neun Prozent auf 16 Prozent gestiegen.

Der deutsche Experte stellt den Nutzen des PSA-Tests jedoch in Frage. Zwar sei für Männer in den USA die Wahrscheinlichkeit auf einen Tod am Prostatakarzinom deutlich gesunken. Doch die Lebenserwartung sei deshalb nicht gestiegen. Der Grund: Prostatakrebs tritt meistens im höheren Lebensalter auf und das Wachstum des Tumors ist sehr langsam. Professor Wiedemann: Die meisten Patienten sterben nach einem verhältnismäßig langen Leben an einer anderen Ursache. Durch die Entfernung der Prostata erleiden sie jedoch Nachteile: Zu den Komplikationen der Operation gehören dem Internisten zufolge Infektionen, Blutungen, Darmprobleme, Thrombosen, Harninkontinenz und Erektionsstörungen.

Auch andere Tumormarker sind für die Früherkennung nicht geeignet. Professor Wiedemann nennt die Antigene CA-125, das bei Eierstockkrebs im Blut auftritt, CA-15–3, das von Brustkrebszellen gebildet wird, und das Alpha-Fetoprotein, das auf einen Leberkrebs hinweisen kann. Alle drei Marker wurden in klinischen Studien überprüft. Keiner konnte die Krebsfrüherkennung verbessern. Statt dessen lösten die Tests bei den Patienten häufig Angst aus. Tumormarker führen in der Regel zu Überdiagnosen und Übertherapien, beklagt der Autor.

Die Einführung des PSA-Tests habe allerdings gezeigt, dass Tumormarkertests den Patienten in der Früherkennung kaum vorenthalten werden können. Die gefühlte Sicherheit, nicht an Krebs zu leiden, sei oft stärker als die Statistik, meint Professor Wiedemann. Er rät Ärzten die Nutzen-Risiko-Relation eines PSA-Screenings mit den Betroffenen umfassend und individuell zu erörtern. In den USA hätten Internisten die Notwendigkeit zu einem offenen Dialog mit den Patienten erkannt. Mit choosingwisely.org („Klug auswählen“) würden sie einen offenen Dialog mit den Patienten anstreben. Auf der Internetplattform stellen verschiedene Fachverbände Informationen über Sinn und Unsinn von diagnostischen Maßnahmen und Therapien bereit. Zusammen mit seinen US-Kollegen zählt Professor Wiedemann Tumormarker zu den Top-5 der medizinischen Maßnahmen, die weit verbreitet, teuer und in ihrer Wirkung nicht belegt sind.

Dies gilt allerdings nur für die Früherkennung. Anders ist die Situation bei Patienten, deren Tumor bereits bekannt ist. Onkologen setzen die Tumormarker nach der Krebstherapie regelmäßig zur Nachsorge ein. Ein Anstieg des Tumormarkers kann hier ein erster Hinweis auf ein Rezidiv, den Rückfall des Krebsleidens sein.

J. Wiedemann:
Sinn und Unsinn von Tumormarkern in der Krebsfrüherkennung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013: 138 (1/2): S. 43-45

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