Typ 1-Diabetes: Frühdiagnose mittels Bluttest bereitet Betroffene Jahre zuvor auf Erkrankung vor

fzm, Stuttgart, Juni 2014 – Der Ausbruch eines Typ 1-Diabetes ist für die betroffenen Kinder und Jugendlichen ein plötzliches und manchmal lebensgefährliches Ereignis. Ihm geht jedoch eine jahrelange Phase der Zerstörung voraus, in der das Immunsystem langsam die Zellen vernichtet, die das Hormon Insulin produzieren. Diese Frühphase der Erkrankung kann heute durch Blutuntersuchungen erkannt werden. Die Kinder können dadurch besser auf die Krankheit vorbereitet werden, deren Beginn in Zukunft durch eine Impfung hinausgezögert werden könnte, wie ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) hofft.

In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 2500 Kinder an einem Typ 1-Diabetes. Bei einem Drittel wird die Erkrankung erst entdeckt, wenn es zu einer Übersäuerung des Blutes, der Ketoazidose, gekommen ist. Die Ketoazidose ist ein medizinischer Notfall, der zu Bewusstlosigkeit oder sogar zum Tod führen kann. Sie ist aber weitgehend vermeidbar, berichtet Privatdozent Dr. Peter Achenbach vom Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München. Denn wenn der Diabetes sich schließlich durch vermehrte Harnproduktion, Heißhunger und extremen Durst bemerkbar macht, liegt der Beginn der Erkrankung meist schon viele Jahre zurück.

Viele Menschen werden bereits mit einer Diabetes-Bereitschaft geboren, schreibt Dr. Achenbach: Etwa in zehn bis 13 Prozent aller neu diagnostizierten Fälle stammen die Kinder aus Familien mit mindestens einem Verwandten ersten Grades, der an Typ-1-Diabetes erkrankt ist. Kinder mit zwei oder mehr erkrankten Verwandten haben laut Dr. Achenbach ein Risiko von eins zu vier auf die Bildung von sogenannten Inselzellantikörpern: Mit ihnen attackiert das Immunsystem die Beta-Zellen in den Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse, in denen das Hormon Insulin gebildet wird.

Die Inselzellantikörper entwickeln sich meistens schon in den ersten beiden Lebensjahren, berichtet Dr. Achenbach. Die Experten sprechen mittlerweile vom Stadium 1 des Typ 1-Diabetes, in dem die Zahl der Beta-Zellen langsam abnimmt. Erst Jahre später, im zweiten Stadium, sind in Tests erste Blutzuckerstörungen nachweisbar. Im dritten Stadium kommt es dann zu Beschwerden und unbehandelt zur Ketoazidose. Dr. Achenbach: Je früher die Erkrankung auftritt, desto rascher schreitet der Diabetes voran. Bei 70 Prozent der Kinder dauert es zehn Jahre, bis sich die Symptome bemerkbar machen.

Da die Inselzellantikörper in einer Blutprobe nachweisbar sind, streben die Diabetologen eine möglichst frühzeitige Diagnose an. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen können dann gezielt auf die bevorstehende Erkrankung vorbereitet werden. Eine frühe ärztliche Behandlung, gezielte Schulung, Aufklärung, psychologische Vorbereitung sowie das schrittweise Erlernen der Insulintherapie und Stoffwechselkontrolle vermeiden dann häufig die Krise beim Ausbruch des Diabetes, schreibt Dr. Achenbach. Eine Ketoazidose trat danach in einer Studie nur bei rund drei Prozent der Kinder auf gegenüber 29 Prozent in einer Vergleichsgruppe. Die Kinder hatten darüber hinaus zu Krankheitsbeginn bessere Blutzuckerwerte und die Liegezeit im Krankenhaus konnte von fast 15 auf etwa elf Tage verkürzt werden.

Die Früherkennung des Typ 1-Diabetes könnte in Zukunft aber auch vorbeugende Maßnahmen ermöglichen: Eine Schluckimpfung mit Insulin, die das Immunsystem „besänftigen“ soll, hat laut Dr. Achenbach in einer US-Studie den Ausbruch der Erkrankung um zehn Jahre hinausgezögert. Auch in Deutschland würden derzeit zwei Studien durchgeführt, in denen Insulin als Schluckimpfung oder als Nasenspray eingesetzt wird.

P. Achenbach et al.:
Prädisposition, frühe Stadien und Phänotypen des Typ-1-Diabetes
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (21); S.1100-1104