Umfrage: Eltern bevorzugen pflanzliche Arzneimittel

fzm – Ob bei Erkältungen, Durchfall, Allergien oder bei Zahnungsbeschwerden: Wenn ihre Kinder erkrankt sind, greifen viele Eltern zu pflanzlichen Mitteln. Nicht alle teilen dies ihrem Kinderarzt mit. Und nur wenigen Vätern und Müttern ist bewusst, dass sich ärztlich verordnete Medikamente und Naturheilmittel nicht immer vertragen. Dies geht aus einer in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ publizierten Elternumfrage (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) hervor.

An den Kinderkliniken der Universitäten Leipzig und München sowie bei zwei Kinderärzten in Leipzig füllten 413 Eltern einen Fragebogen zu ihrem Einsatz von pflanzliche Mittel aus: 85 Prozent gaben ihrem Kind ein oder mehrere davon - zusätzlich zu den Medikamenten, die der Arzt verordnet hatte. Der Anteil sei deutlich höher als in anderen Ländern, schreibt Professor Wieland Kiess von der Universitätsklinik Leipzig. In den USA hätten in einer vergleichbaren Untersuchung nur zehn Prozent der Eltern Phytotherapeutika eingesetzt, in Großbritannien waren es 28 Prozent, in der Türkei 44 Prozent.

Auch in Deutschland gibt es Unterschiede. In den Städten verwendeten Eltern häufiger pflanzliche Mittel als auf dem Land. In den neuen Bundesländern sind sie beliebter als in den alten, vielleicht eine Folge der geringen Verfügbarkeit dieser Mittel vor der Wiedervereinigung, mutmaßt Professor Kiess. Auch höherer Bildungsstand und höheres Nettoeinkommen fördern die Beliebtheit der pflanzlichen Mittel. Die Motivation ist dabei keinesfalls in einer Unzufriedenheit mit der Schulmedizin zu suchen, stellt der Experte fest. Im Gegenteil: Viele Eltern waren mit ihrem Kinderarzt zufrieden, 80 Prozent der Eltern gaben ihn sogar als Informationsquelle in Sachen Phytotherapie an.

Die Eltern sehen in Kamille, Fenchel, Eukalyptus, Salbei und Thymian eine natürliche Ergänzung zu den Medikamenten der Schulmedizin. Hier beginnen nach Ansicht von Professor Kiess allerdings die Probleme: Viele der aus den Pflanzen gewonnenen Wirkstoffe seien keineswegs harmlos. Einige könnten die Wirkung der Arzneimittel, die der Arzt verschreibt, verstärken oder abschwächen, warnt der Kinderarzt. Diese Gefahr war den meisten Eltern nicht bewusst: Drei Viertel meinten, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen hätten. Zu den Beweggründen für die Verwendung zählte mit 72 Prozent die Überzeugung, sie seien natürlicher und 65 Prozent glaubten, sie seien nebenwirkungsärmer als die vom Arzt verordneten Medikamente.

Die meisten Eltern sahen deshalb auch keine Notwendigkeit, die Ärzte über die Begleittherapie zu informieren: Nur 22 Prozent der Eltern hatten den Kinderarzt in Kenntnis gesetzt. Professor Kiess rät deshalb Ärzten, gezielt nach dem Gebrauch von pflanzlicher Medizin zu fragen und die Eltern auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Dies verbessere letztlich die Sicherheit und Effektivität der schulmedizinischen Behandlung.

M. Hümer et al.:
Phytotherapie in der Kinderheilkunde. Prävalenz, Indikationen und Motivation.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (19): S. 959-964

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